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Eva von Platen [...] geht aus von einer genauen Beobachtung ihrer Umgebung, vom Absurden und Brutalen, Skurrilen und nicht selten Lächerlichen, das ihr begegnet.

Was sie beobachtet sind u.a. die unter einer feinen Oberfläche verborgenen, groben Mechanismen im Überlebenskampf wie im Film »Die Kümmerer«, in dem sie 12 junge arbeitslose Akademiker auf dem Weg zu ihren Vorstellungsgesprächen und Fortbildungskursen begleitet. Oder es sind die Vorstellungen vom »individuellen Leben«, die im Möbelhaus zelebriert werden, genauer besehen aber nicht mehr als eine soap sind, wie es der Film »Hanne Büchen« zeigt.

Es geht in den Filmen, aber auch in den Zeichnungen meist um Vorstellungen, die durch ihre Abgewetztheit und Langlebigkeit verblüffen.

Die Medien, die Eva von Platen anwendet, sind neben dem Kurzfilm, der sich zwischen dem experimentellen und dem narrativen Film bewegt, Zeichnung, Collage und Fundsache. Die Zeichnungen funktionieren wie Notizen, oft sind sie angeregt durch Aufschriften und »Lebenshilfen«. Namen, Inschriften, Bezeichnungen, Werbung, der hausinterne Mahnbrief – überall ist Gestaltung, die etwas regeln und bedeuten soll. Beim Zeichnen verwendet Eva von Platen solche Merkwürdigkeiten als Material, oder sie stellt sie einfach unverändert als Fundsache aus.

Barbara Wien
Verlag Buchhandlung und Galerie Barbara Wien, Berlin


»Das Widersprüchliche, Irrationale, Absurde, Zufällige, Unsinnige, Banale, Subtile, Schwachsinnige ist es, was mich interessiert, schon deshalb, weil es mir überall und ständig begegnet.« (Eva von Platen)

Die Papierarbeiten der Zeichnerin und Filmemacherin Eva von Platen, die seit 2005 an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg unterrichtet, nutzen – inhaltlich wie formal – das ganze Spektrum des Mediums Zeichnung. Ob schnelle Skizze oder präzise Collage, ob spontane Notation oder hintersinnige Montage, ob mit zartem Strich oder als kleine Malerei ausgeführt – Eva von Platens Burlesken auf Papier konfrontieren den Betrachter mit den Absurditäten des Alltags, mit »unerwarteten Kollisionen von Sinn- und Bildzusammenhängen« (Platen).

Die Künstlerin schaltet die »Wahrnehmungsfilter, die harte Gegner sind beim Versuch, möglichst breit zu sehen«, aus und unterzieht mit unverstelltem Blick ihre Umgebung einer ebenso unerbittlichen wie lustvollen Prüfung. Gerade im scheinbar Unscheinbaren entdeckt sie das Besondere und Merk-Würdige. Eva von Platen sammelt weggeworfene Einkaufs- und Notizzettel, Kassenbons und bekrakelte Papierchen, Steckbriefe entlaufener Haustiere, sie studiert und seziert Werbetexte, hinterfragt ihre Sprache und lauscht den Zwischentönen, liest zwischen – und manchmal auch hinter den Zeilen. Alberne (Werbe-)Botschaften, Bildklischees und Parolen werden von der besessenen Assoziations-arbeiterin so lange hin und her gedreht, bis ihre tradierte Bedeutung in Sinn- und Unsinns-Splitter zerbröselt. Und mit diesen Bröseln und Bruchstücken jongliert von Platen, bis sie in den Abgrund (des Absurden) fallen.

Aus ausgeschnittenen Zeitungsbuchstaben klebt sie wie in einem anonymen Erpresserschreiben die psychologisch ergiebige Forderung: »Mutter ruf nicht mehr an«. Denken in Bildern: Urängste stehen neben präzisen Pointen, Ideogramme prallen auf intelligenten bildnerischen Witz, ironische Schlenker zeichnen schöne Arabesken.

Eva von Platen »ist ein frecher Kerl« titelte schon die Frankfurter Neue Presse: Sie pflegt den diskreten Charme der Parodie, demaskiert medialen Phrasen-Overkill, treibt ihre Arbeiten bis an den Punkt, wo sie umschlagen vom lustigen Kalauer in bitterbösen Sarkasmus und zwingt – »Komik entsteht, wenn Widersprüche aufeinander treffen« – mit süffisantem Lächeln den Ernst des Lebens zur Kapitulation vor den Tücken und Untiefen dieser Welt.

Manfred Rothenberger
Leiter des Instituts für Moderne Kunst in Nürnberg