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Gabriele Dziubas Goldschmiedearbeiten sind von großer sinnlicher Schönheit. Sie sind spielerisch, tragen eine sehr persönliche Handschrift und prägen sich ein, als wunderbare Verführungen der Phantasie. »Formfindung«, schreibt sie in ein altes Skizzenbuch, »ist ein Spaziergang durch Gedanken, Natur und Materialien.« Gabriela Dziuba unternimmt ihn häufig. Dabei lässt sie sich treiben und wilden Einfällen freien Lauf. Geschichte und Romane beflügeln sie, romantische Episoden und Musik. Bei alledem ist es ihre bildhafte Phantasie, die sie schließlich fündig werden lässt. Gabriela Dziuba benutzt nicht irgend vorgegebene Schmuckformen, vielmehr erfindet sie diese für ihren Zweck neu. Die bestechendste Qualität ihrer Arbeit sind ebendiese überlegenen Formfindungen, sind die mit fast instinktiver Sicherheit gefundenen Zeichen und Symbole und das reiche Assoziationsspektrum, das sie auslösen: goldene Eimerchen als vieldeutige weibliche Pointe fürs Ohr, ein Kronenring für das königliche Selbst der Trägerin. Zauber, Raffinesse, aber auch Witz und heitere Anarchie zeichnen diese Entwürfe aus; ein poetisches Repertoire, dem sie geschliffene Form verleiht. Auf wenige konzeptuelle Gedanken reduzieren lässt sich dieses, auch innerhalb der avancierten Schmuckszene, singuläre Œuvre nicht. Sehr bewusst huldigt Gabriele Dziubas freier Geist einem ästhetischen Libertinismus, der ihrer Produktion erlaubt, mit der größten Selbstverständlichkeit zu oszillieren, zwischen Askese und Ausschweifung, in paradoxer Balance von formaler Klarheit und ornamentaler Lust, von romantischem Märchenton und Subkultur. »Ich glaube, jede Zeit hat ihre eigene Ausdrucksformen, ihre Ideen und Absichten. Das wird in der Kunst reflektiert und in der Mode, in der Literatur, in der Philosophie. Ich denke Schmuck sollte das ebenso.« Tatsächlich sind Gabriele Dziubas Arbeiten immer in enger Fühlung mit der Zeit und ihren künstlerischen Strömungen entstanden. »Kunstvoll«, von einer vordergründigen Originalität gar, sind sie nicht, von einem lebendigen Bezug zur Alltagswirklichkeit sehr wohl. Den kühnen Form- und Materialexperimenten der siebziger Jahre, die in einer nie zuvor gekannten Dynamisierung der Schmuckelemente kulminieren, ist das ebenso abzulesen, wie Reflexen der Pop Art in Entwürfen der achtziger Jahre. Mehr als eine modisch aufgegriffene Schmuckidee hat sie vorweggenommen, und auch an Imitation hat es nicht gefehlt. Wie viel unbekanntes Terrain sie ihrem Metier erobert hat? Ein kleiner Geniestreich jedenfalls, wie es ihr gelang, selbst Brillanten für den zeitgenössischen Schmuck zu adaptieren. Unter dem Deckmantel funkelnder Feenhaftigkeit wird eleganter Spott gleich mitgeliefert. So haben die brillant ausgefassten Lettern eines Buchstabenrings nicht mehr zu sagen als: »Wurscht«, trägt ein gestochen schöner Anhänger, als wären die Steine kurz in die Gosse gefallen, die Botschaft: »Scheisse«. Das erstaunlichste dabei: Noch da, wo ihre Entwürfe in banalste Sphären vorstoßen, bewahren sie das, was sie auf so unvergleichliche Weise vor anderen auszeichnet: eine Idee von Kostbarkeit im Sinne von Kleinod. Der subtilste Traditionsverweis steckt in der Monographie selbst, im rigorosen Gestaltungskonzept Heimo Zobernigs, das sich auf eine Jubiläums-Publikation der Wiener Werkstätte bezieht; so selbstverständlich wie der ruppige Zurechtschliff von Vaters Manschettenknöpfen. Eine gemeinsame Poesie.

Dorothea Baumer

Vorwort zu dem Buch: Gabi Dziuba Schmuck, Köln: Snoeck Verlag, 2006.