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Laurenz Berges ist ein Chronist der Abwesenheit. In seiner Serie von leer stehenden Kasernen der Sowjettruppen in der früheren DDR oder in seinen Bildern von Wohnhäusern, die von ihren Bewohnern aufgegeben werden mussten, weil der Braunkohle-Tageabbau im Westen Deutschlands die Siedlungen erreichte, hat der Fotograf sich auf die Darstellung menschenleerer Räume konzentriert. Diese Bilder berichten in unterkühlter Art von politischen und wirtschaftlichen Kräften, die zu einschneidenden Reaktionen für die betreffenden Menschen führen. Berges ist ein Spurensucher, der ganz darauf setzt, dass die Details in seinen Fotografien große Wirkung erzielen. Auch in seiner neuen Arbeit widmet er sich mit größter Sorgfalt der Bedeutung scheinbarer Belanglosigkeiten. Seine minimalistisch wirkenden Aufnahmen verweisen auf den früheren Gebrauch der nur ausschnitthaft abgebildeten Räume. Ihre Bewohner haben sie einer anderen Nutzung zugeführt. Diesen Wechsel zeigt uns Berges in kargen Aufnahmen, die aufgrund ihrer starken Reduktion nur indirekt und fast widerwillig ihre Geschichte erzählen. Diese handelt von der existentiellen Bedeutung bestimmter Räume für unsere Identität, aber auch von deren Vergänglichkeit und ihrem Verlust. Man kann Berges Aufnahmen als eine Verweigerung der immer wieder an die Fotografie gestellten Erwartungen nach schneller Lesbarkeit verstehen. Das Entziehen der Information hat die Konzentration auf die Bildsprache seiner Aufnahmen zur Folge. Mit seinem Beharren auf einer Weiterentwicklung der formalen Sprache der Fotografie löst sich Berges vom rein dokumentarischen Anspruch. Seine entleerten Bilder werfen uns auf uns zurück. Wir müssen erst wieder das Vertrauen fassen, ihnen zu glauben.

Thomas Weski

Zitiert aus: Thomas Weski: »Das dokumentarische Moment« in: Click Doubleclick. Das dokumentarische Moment, Ausst.kat. Haus der Kunst, München, Centre for Fine Arts, Brüssel, hrsg. von Thomas Weski, Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König, 2006, S. 35-50, S. 43-44.