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Was es ist

Jetzt finde ich es an der Zeit, meine alten Sachen, meine Kinderzeichnungen und Schularbeiten vorzunehmen, den Adler überm Gebirge, die Knüppelkiefer vom Darß, die Kreidelandschaft mit Baum und Brücke, den Sandteichdamm, die Ansicht von Kamenz, das voralpine Hochland und so weiter. So nämlich kommt die Vergangenheit wieder auf, mit so einem Blatt aus meiner Winnetouzeit. Das Problem, ob der Waldweg hinten in der Ferne, wo er unscharf verschwindet, dunkler oder heller ist, habe ich nicht gelöst, stattdessen gibt es auf dem Bildchen an dieser Stelle einen cölinblauen Fleck. Ich empfand den Umgang und das Hantieren mit den Substanzen aufregender, zum Beispiel Spachtel statt Pinsel, als das Wiedererscheinen des Motivs auf der Pappe. Mit dem Messer die Farbpaste aufzutragen war ein Erlebnis, Blau neben Grün und Englischrot für Baumstämme.

Für Feinheiten hatte ich keinen Sinn, auch nicht für vorn und hinten, keine Schatten, keine Tiefe, es war mehr Geste und Getue als ein klarer Blick. Schließlich war das Motiv immer gegenwärtig, ich fuhr nicht weg, ging nicht in die Ferne, es blieb alles am Ort, ich nahm es nicht auf. Mit diesen kleinen Blättchen und Brettchen wollte ich in die Lage des Malers kommen, es ging auch gut, was ich jetzt davon benutze ist nichts Fotografisches oder Formales. Einige Motive kommen ohnehin aus einem Musterbuch für Hobbymaler des Elektromeisters Aschenbach.

So geht es. Es ist gut, ein Motiv zu haben. Einesteils geht man damit nur wie mit anderen Erinnerungen auch um, zum anderen wird man nicht neuerlich mit frischen Problemen beschäftigt. Die Außenseite ist wie die eigene Innenseite.

Schließlich altert der Selbstporträtmaler auch und das Porträt ist nicht immer auf dem neusten Stand der Zeit.

Das zu benutzen, was man noch nicht verloren hat, ist angenehmer, und solange man das macht, ist es gleichgültig, ob das Motiv noch steht, wie es stand. Der Sandteichdamm oder die Hochalm aus dem Vorlagenbuch des Sonntagsmalers ist dann das Selbstporträt und mehr Innenseite.

Georg Baselitz Derneburg, den 10.II.2001