Wechseln zu: Navigation, Suche

Dresden, 23. Mai 2007

Referent: Prof. Dipl. Rest. Dr. Ulrich Schießl
Korreferent: Erich Gantzert-Castrillo

Von Eliza Reichel

Die vollständige Seminararbeit kann hier im Pdf-Format herunter geladen werden.


Im Jahr 2007 führte ich ein Interview mit dem Künstler André Butzer durch, mit dem Ziel, relevante Informationen zu den von ihm verwendeten Materialien und zu seiner Arbeitstechnik zu erhalten. Das Projekt fand im Zuge einer Seminararbeit an der HfBK Dresden statt und war als Beitrag für artemak geplant.
Butzer wurde im Vorfeld auf das Projekt angesprochen und äußerte seine Bereitschaft zur Kooperation. Die Erfassung der notwendigen Informationen sollte durch ein qualitatives Experteninterview erfolgen. Als Leitfaden wurde ein Fragenkatalog angefertigt, der sowohl zu den Arbeiten auf Malgeweben als auch zu denen auf Papier folgende Schwerpunkte behandelte:
- Entstehungsprozess der Gemälde
- Verwendete Materialien und deren übergeordnete Bedeutungsebenen
- Konkrete Vorgehensweisen und Arbeitsschritte
- Lagerung, Transport und Präsentation der Gemälde
- Alterung und Erhalt der Gemälde.

Auf Wunsch des Künstlers beantwortete dieser einen Teil der Fragen vorab per Email. Die Antworten waren aufschlussreich und ergaben eine fruchtbare Grundlage zur Formulierung des letztendlich im Interview verwendeten Fragenkatalogs. Ein erstes Treffen erfolgte vorbereitend im Atelier des Künstlers. Dank der Erlaubnis des Galeristen Guido W. Baudach in Berlin war es möglich, dessen Depot und darin befindliche Gemälde Butzers zu besichtigen. Freundlicherweise konnte auch meine Anwesenheit bei einem Ausstellungsaufbau und das Erstellen von Fotos ermöglicht werden. Weiterhin kam ein Gespräch mit dem von Butzer sehr geschätzten Restaurator Peter Most in Berlin zustande. Das Interview selbst wurde am 04. April 2007 in Rangsdorf bei Berlin durchgeführt und nahm circa zweieinhalb Stunden in Anspruch. Die Aufzeichnung erfolgte mit einem digitalen Aufnahmegerät. Das anschließend erstellte vollständige Transkript wurde im Anschluss überarbeitet: so wurden Sätze vervollständigt und vereinfacht, irrelevante Abschnitte, Wortdopplungen und paraverbale Äußerungen herausgenommen wie auch stark umgangssprachliche Formulierungen zum Teil abgeändert. In Fußnoten finden sich ergänzende Informationen zu Begebenheiten oder Personen, die im Interview gemäß dem Gesprächsfluss nur ungenau thematisiert wurden. André Butzer erhielt sowohl die überarbeitete Transkription des Interviews als auch dessen Auswertung zur Korrektur eventueller Missverständnisse.

Der folgende Text beinhaltet nach einer kurzen Einführung zu Person und Werk die Auswertung der Aussagen Butzers, unter spezieller Hervorhebung seiner Arbeitsweise, der verwendeten Materialien und deren übergeordneten Bedeutungsebenen, sowie seiner Ansichten zu Alterung und Erhalt seiner Werke. Dabei werden zusätzlich Äußerungen des Künstlers einbezogen, die dieser an anderer Stelle machte, etwa in einem mündlichen Gespräch oder via Email. Zitate aus dem Interview oder aus genannten schriftlichen und mündlichen Äußerungen werden im Folgenden stets durch kursive Schrift gekennzeichnet.
An dieser Stelle soll allen Personen herzlich gedankt sein, die mich bei dieser Arbeit unterstützt haben.

Mein besonderer Dank gilt Herrn Prof. Dipl. Rest. Dr. Ulrich Schießl für die Anregung zu diesem Thema, und Herrn Erich Gantzert-Castrillo, ohne den und seine Frau Elisabeth Bushart die Vorraussetzungen dafür nicht gegeben gewesen wären. Beiden gilt Dank für die stets hilfreiche Betreuung der Arbeit. André Butzer soll für seine bereitwillige und freundliche Kooperation ebenfalls besonders herzlich gedankt sein. Des Weiteren danke ich Herrn Guido Baudach von der Galerie Guido W. Baudach, Berlin, für interessante Einblicke in Depot und Ausstellungsaufbau und die Erlaubnis, dort zu fotografieren, sowie für ein aufschlussreiches Gespräch. Herrn Dipl. Rest. Peter Most sei für wichtige Hinweise gedankt, Frau Evke Rulffes von der Galerie Max Hetzler, Berlin, für die Bereitstellung von Bildmaterial, Herrn Thomas Winkler für Einblick in die Zeitschrift »Meise«, sowie Frau Dipl. Rest. Stephanie Hilden für hilfreiche Hinweise bei der Erstellung des Fragebogens und der schriftlichen Arbeit.

Biographie André Butzers

André Butzer wurde 1973 in Stuttgart geboren. 1994, während seiner Zeit als Zivildienstleistender, begann er zu malen. Nach einem kurzen Besuch der Stuttgarter Merz-Akademie und anschließend der Hamburger Hochschule der Künste gründete er 1996 mit einigen anderen jungen Künstlern und Künstlerinnen in Hamburg die »Akademie Isotrop«, eine unabhängige und selbstverwaltete Einrichtung, die sich als Lehrinstitut verstand und bis zum Jahr 2000 Bestand hatte. Im Rahmen der Akademie wurden Seminare, Lesungen, Konzerte und Ausstellungen veranstaltet und eine Zeitschrift herausgegeben.
André Butzer nahm seit dieser Zeit an zahlreichen Gruppenausstellungen im In- und Ausland teil, seit 1999 präsentiert er seine Werke auch auf Einzelausstellungen. Er knüpfte wichtige Kontakte, wie etwa zu dem Maler Albert Oehlen, dem Kunsthistoriker Roberto Ohrt, der Sammlerin Ingvild Goetz in München, den Galeristen Guido Baudach und Max Hetzler in Berlin oder zur Patrick Painter Gallery in Los Angeles.
Seit 2001 lebte André Butzer in Berlin, seit 2006 in Rangsdorf bei Berlin.

Das künstlerische Werk André Butzers

André Butzer arbeitet sowohl auf textilen Bildträgern als auch auf Papier. Seine Gemälde sind in der Regel sehr farbintensiv, geprägt von einem lebhaften und abwechslungsreichen Farbauftrag und, wenn auf Malgeweben ausgeführt, häufig sehr großformatig. Charakteristisch sind darüber hinaus zum einen die Verwendung wenig ausgemischter Farben in einem nahezu uneingeschränkten Spektrum, ein kaum angedeuteter Bildraum, sowie die Darstellung bestimmter Figurentypen oder aber monochromer Bilder in Grau- und Schwarztönen. Er selbst bezeichnet sich als den »wahrscheinlich abstraktesten Maler überhaupt«.
Beeinflusst wurde Butzer zunächst von malerischen Positionen der 1980er Jahre, später distanzierte er sich jedoch davon. Nachhaltigeren Eindruck hinterließen die Künstler Edvard Munch, Henri Matisse, Asger Jorn und Philip Guston.
Neben der Malerei schreibt Butzer gelegentlich Gedichte und ist Mitherausgeber der Zeitschrift »Meise«. Er konstruiert fiktive Institutionen, wie die »Firma« »Friedens-Siemense Inc.«, das »Institut für SDI-Traumforschung« oder den Eigenverlag »Heckler und Koch«. Diese präsentieren sich wie international agierende Konzerne oder immerhin groß angelegte Unternehmen, etwa mit Firmenstatuten oder organisierten Veranstaltungen, ohne dabei von mehr Leuten als Butzer selbst oder seinen Freunden personell besetzt zu sein, wie z.B. Thomas Winkler als Kunstfigur »Professor Winkler« oder dem Künstler Björn Dahlem. Butzer bezeichnet dies als »... Hilfskonstrukte. Vorstellungen von Aufträgen übergeordneter Art, die man sich selbst erteilt. Dafür brauche ich Hilfsorganisationen...«

Inhalte

Neben grundlegenden allgemeinen Aspekten des menschlichen Daseins, wie »Kunst, Leben, Tod« sind Technik und Industrie wichtige Motive in Butzers Werk. Damit eng verknüpft ist eine Faszination für Science-Fiction, die wiederum in Zusammenhang steht zu Butzers Anliegen, die Realität über ihre künstlich übersteigerte Darstellung erfahrbar zu machen. Dies mündet in die utopische Vorstellung von einem Ort im Weltall, an dem alle dort Ankommenden von Schuld befreit werden und Leid endet. Dieser Ort wird von Butzer namentlich gleichgesetzt mit »Anaheim«, dem Bezirk von Los Angeles, an dem das erste Disneyland entstand, was wiederum auf Butzers Interesse an der Comicwelt Walt Disneys verweist. Zusätzlich gibt es in Butzers fiktiver Vorstellungswelt den Ort »Nasaheim«, worauf sich das häufige Kürzel »N-« in Bildern und Titeln bezieht. Die Welt der internationalen Konzerne, der Waren und des Konsums, häufig auch verknüpft mit dem Motiv der Nahrungs- oder Genussmittelaufnahme, werden bei Butzer stets in indifferenter, »entmoralisierter« Form behandelt und können gleichzeitig sowohl positive wie negative Bedeutungsträger sein. Die Entmoralisierung von Form und Inhalt wird von Butzer laut eigener Aussage auch über das Prinzip der Serien betrieben, indem die ständige Wiederholung bestimmter Motive diese in ihrer Wertigkeit und Bedeutsamkeit in Bezug auf andere gleichmacht, d. h. von Bedeutung und Moral befreit (wie etwa die titelgebende Benennung sowohl eines Adolf Eichmann und eines Immanuel Kant in einer Serie von beinahe identischen Drucken). Diese Vorgehensweise entlehnt er einem Prinzip von Andy Warhol, der mit seinen seriellen Reproduktionen von beispielsweise elektrischen Stühlen wie auch populären Schauspielerinnen in ähnlicher Weise verfuhr. So verweist denn auch Roberto Ohrt auf Butzers Verbindungen zur Pop Art: »(Butzer) will zu den gesellschaftlichen Bedeutungen, die dem Pop eingetragen sind... Die Reichweite der Themen und Techniken des Pop interessieren ihn schon länger: die Möglichkeit, in der Haut von Malerei und mit der Wirkung von Pop zu erscheinen.« Amerika als Herkunftsland konsumistischer Idealvorstellungen wird dabei häufig thematisch gestreift und trifft auf Hinweise auf die deutsche Geschichte.

Auffällig und präsent in Butzers Werk sind besonders zwei Figurentypen. Zum einen handelt es sich hier um rundköpfige und großäugige Wesen, zum anderen um totenkopfähnliche Gestalten mit seltsamen Ausbuchtungen an den Wangen und hohlen Augen. Neben diesen zwei Hauptcharakteren, die sich gerne auch in Gruppen zusammengesellen, finden sich auch Figuren mit eher unspezifischen Zügen, Tiere, Häuser und überall Farbräume mit machtvollem Eigenleben.
Die Weiterentwicklung der frühen Figur »Friedens-Siemens I«, führte zu der Serie »Friedens-Siemense« von 2000 bis 2002, die erst kürzlich, 2007, wieder aufgegriffen wurde. Die Friedens Siemense zeigen sich hier als überdimensional formatfüllende, runde und körperlose Gesichter mit riesigen disneyhaften Comicaugen, ein Motiv, das seine Weiterführung 2003 in der Serie »TODALL« (2002-2004) findet.
Die totenköpfigen »H-« und später »Schande-Menschen«, bei denen es sich laut Butzer um »...mit Hautfarbe frisch überzogene Totenköpfe mit gekreuzten Knochen... Das Symbol der Waffen-SS...« handelt, tauchen ebenfalls durchgängig auf und spielen eine besondere Rolle in den Portraits, die Butzer von historischen Personen aller Epochen anfertigt, speziell aber von deutschen Dichtern, amerikanischen und deutschen Industriellen sowie ranghohen Nationalsozialisten.
Butzers Figuren sind Phantasiewesen, die an Comictraditionen oder deren Entsprechungen im Werbedesign denken lassen, gleichzeitig aber deformiert und übersteigert, harmlos, naiv und grotesk zugleich wirken. Der Kunsthistoriker Thomas Groetz, ein Freund des Künstlers, verweist in diesem Zusammenhang auf die Zwiespältigkeit des »Comic-Typus... (der) einerseits aus kindlicher Effektsteuerung und andererseits aus einer künstlichen und jenseits der Moral angesiedelten Lebendigkeit besteht... Monumentalisiert und kalkuliert verdichtet, verweist dieser (Comic-Typus)... auf ein infantiles, aus dem Lot geratenes Menschenbild, das in seiner malerischen Vergegenwärtigung jedoch beim Betrachter immer auch Liebenswürdigkeit sowie Mitgefühl entstehen lässt.«

45:154

TODALL (2), 2003, Öl auf Leinwand, 235 x 195 cm, Foto: Galerie Max Hetzler, Berlin, © André Butzer

Butzer selbst äußert sich folgendermaßen zu seinen Figuren: »Das ist eine Versinnbildlichung von allgemein herrschender Deformation... es ist ein Menschenbild, auf das man in der Alltagskultur häufig trifft.« Gleichzeitig weist er darauf hin, dass die »sogenannte Gegenständlichkeit« seiner Figuren im Grunde eher als eine Form der Abstraktion zu verstehen ist. Butzer selbst ist sich darüber bewusst, dass seine Aussagen zum Thema Abstraktion zum Teil in sich widersprüchlich und nicht vollkommen deutlich nachzuvollziehen sind. Dies ist von ihm jedoch durchaus beabsichtigt und seiner Ansicht nach einer Auseinandersetzung mit dem Thema förderlich. Erklärbar wird das Bekenntnis zur Abstraktion evtl. über das Motiv der Künstlichkeit. Die Darstellungen sind absichtsvoll künstlich und sollen sich und den Betrachter damit von der erlebten Realität »abtrennen«, was als abstrahierender Vorgang aufgefasst werden kann. Butzer beschäftigte sich in den neunziger Jahren mit dem von Albert Oehlen geprägten Begriff der »postungegenständlichen Malerei« und kam zu der Ansicht, dass Figuration sich in allen Bildern findet: »Man (hat) jenseits aller guten Absichten sowieso keine andere Chance, als Figur und Raum zu malen, es gibt jedoch verschiedene Aggregatzustände davon, wie meine monochromen Werke bereits hervorragend gezeigt haben.«

Bei den monochromen Bildern handelt es sich um seit 2000 immer wieder entstehende Gemälde in figurlosem Schwarz, Braun oder Grau, es kommen aber auch gelegentlich auch Farbtöne, wie dunkles Blau oder Rot, darin vor. Sie sind von pastosem, reliefartigem Farbauftrag und stehen für Abwesenheit, Kontrollverlust, Tod und Hervorbringung neuen Lebens gleichzeitig. Butzer bezeichnet sie als »blinde Bilder«. Die Verknüpfung zur Weltall-Thematik wird von Thomas (»Professor«) Winkler, und Thomas Groetz hervorgehoben, und letzterer schreibt: »Wir haben es hier vermutlich mit der Nachtseite, Rückseite oder Innenseite der farbenfrohen, bukolischen Bildwelten zu tun, in denen für gewöhnlich ein lustiges Volk seinen Auftritt hat.«

45:155

Josef Blösche hat alle seine Pfannenkuchen im Hause!, 2004, Öl auf Leinwand, 315 x 220 cm, Foto: Galerie Max Hetzler, Berlin, © André Butzer

Stilistische Entwicklung

Durchgängig treten in Butzers Werken häufig sehr große Formate auf. Der Künstler begründet dies mit seiner Freude am Umgang mit den ausladenden Flächen (»Großes Spielzeug«), ist aber der Ansicht, dass für die Bildwirkung eher die Bilddimension ausschlaggebend ist, also das Verhältnis von Format und Darstellung bzw. die Größenverhältnisse innerhalb des Bildes selber.

»Friedens-Siemens I aus dem Jahr 2000 ist mit einer Fülle von farbigen Kleinstformen ausgeführt, die sich patchworkartig aneinander fügen und als einzige menschenähnliche Form einen Kopf samt Gesicht erkennen lassen. Als Gegenmoment zu den rein malerischen Strukturen fügte André Butzer konkrete Worte und Begriffe in das Bild ein, darunter Namen wie Bosch, IBM, Sony, Cola, BMW und Sinalco.« Diese Beschreibung des ersten der später sehr präsenten »Friedens-Siemense« erwähnt zwei wichtige Stilmerkmale der frühen Bilder André Butzers, zum einen die Vielfalt und Kleinförmigkeit der Bildelemente, die häufig grafisch wirken und wie Dekoration über das Bild verteilt sind. Hier finden sich, neben gemalten Flächen, gesprühte Partien, Punkte, Kringel, Spiralen, Konturlinien und geometrische Muster. Butzer bezeichnet ihre Funktion als »Dekoration, Herabwürdigung von gängiger Abstraktion. Schmuck, Ablenkung, Ausstattung der Figuren.« Weiterhin wird in der Beschreibung die Beschriftung erwähnt, die in den frühen Bildern weitaus häufiger als bei den späteren zu finden ist. Die frühen Bilder sind laut Butzer formal stark geprägt von der Auseinandersetzung mit Vorbildern aus der deutschen Malerei der 70er und 80er Jahre.

Seit ca. 2001 werden die kleinteiligen Farbflächen und grafisch-dekorativen Elemente abgelöst von großzügigeren Pinselstrichen und größeren homogeneren Farbflächen. Anstelle des geradezu flimmernden Detailreichtums treten ruhigere, malerischer wirkende Bilder, die häufig eine einzelne Figur groß ins Format setzen. Butzer verzichtet nun auf effektvolle Mittel wie Sprühspuren oder glitzernde Farbbronzen und wendet sich ganz den wirkungsvollen Möglichkeiten der Ölfarbe zu.

In den Jahren 2003 und 2004 malte André Butzer eine Reihe von Bildern, die sich durch einen flächigen und zum Teil stark verdünnten Farbauftrag auszeichnen. Butzers Anliegen war hier, der Vorgehensweise und den Effekten der Aquarellmalerei mit den Mitteln der Ölfarbe möglichst nahe zu kommen. Gemälde von Henri Matisse oder Edvard Munch, insbesondere dessen Spätwerk, waren ebenfalls inspirierend. Die Palette großteils ungemischter, lasiert aufgetragener Töne auf weißem Untergrund führt bei diesen Bildern zu einer besonderen Präsenz der Farbigkeit und des Lichts.

1:252

Ohne Titel, 2003, Aquarell auf Leinwand, 291 x 209 cm, Foto: Galerie Max Hetzler, Berlin, Courtesy Galerie Max Hetzler, Berlin, © André Butzer

Seit 2004 fällt vor allem eine Weiterentwicklung der bekannten Figurentypen auf, während gleichzeitig die pastos aufgetragene Farbe wieder Einzug in das Werk André Butzers hält. Die Gestalten werden einerseits stärker von Kontur und Linie bestimmt, was ihren Comic-Charakter unterstreicht, gleichzeitig lösen sich ihre Formen immer mehr auf. Farbige Flächen werden ersetzt durch lineare, eher zeichnerische Pinselstriche. Immer häufiger werden nun Bilder, die viel weiße Grundierung zeigen. Dominant werden lineare Farbwülste, die häufig parallel zu den Bildkanten in gewinkelten Formationen verlaufen und zunehmend das Bild bestimmen. Ab 2006 finden sich Bilder, in denen Figuren nur mehr zeichenhaft und in Teilen, etwa als kleine Köpfe, in den durcheinander laufenden Linien und Flächen auftauchen.

1:259

Ranium H, 2006, 340 x 270 cm, Foto: Eliza Reichel, Berlin, Courtesy Galerie Max Hetzler, Berlin, © André Butzer

1:261

Kommando Friedrich Hölderlin, 2006, Öl auf Leinwand, 280 x 460 cm, Foto: Eliza Reichel, Courtesy Galerie Max Hetzler, Berlin, © André Butzer

1:254

Gehirnzentrum von A. B., 2006, Öl auf Leinwand, 281 x 460 cm, Foto: Galerie Max Hetzler, Berlin, Courtesy Galerie Max Hetzler, Berlin, © André Butzer


Kunsttechnischer Aufbau der Werke André Butzers

Entstehungsprozess

Für das Werk André Butzers ist das Prinzip der Serie von besonderer Bedeutung. Ein wichtiger Teil seiner Bilder ist Serien zuzuordnen. Daraus ergibt sich, dass für den Entstehungsprozess einzelner Gemälde das Moment der Ideenfindung nicht ausschlaggebend ist. André Butzer selber spricht hier von »Entscheidungen«, die getroffen werden, was durchaus im Gegensatz zu einem spontanen Einfall oder einer Idee zu sehen ist. Die Entscheidung für die Weiterführung oder das Anlegen einer Serie gibt das Motiv bis zu einem gewissen Grad schon vor. Die genaue Durchführung des Bildes bleibt im Vorfeld allerdings offen, wobei hier zuweilen ein bestimmtes Bildanlagekonzept schon vage vorhanden ist, während dieses in anderen Fällen ständiger Veränderung während des Malens unterworfen ist, oder wie Butzer es ausdrückt, dem »Experiment«. Dies beeinflusst auch die Entwicklung der Motive bei Bildern, die nicht einer Serie zuzuordnen sind; auch in diesen Fällen möchte der Künstler nicht von »Ideen« sprechen. Als Inspirationsquelle gibt Butzer »Natur, Kultur« an, demnach können alle denkbaren Eindrücke in ein Bild einfließen. André Butzer fertigt keine Entwürfe zu seinen Gemälden an.

Maltechnische Überlegungen zur Vorbereitung seiner Bildträger oder dem Aufbau der Bilder selber waren für André Butzer noch nie von Bedeutung. Er arbeitet heute nach einem Verfahren, das in Hinblick auf handwerkliche Überlegungen pragmatisch zu nennen ist, so wird bei der Vorbereitung seiner Gemälde meist nach einem Schema vorgegangen, dass Butzer als möglichst einfach, aber qualitätvoll einstuft. Vorbereitende Arbeiten wie das Aufspannen oder Grundieren delegiert er häufig an Assistenten.

Sein eigentliches künstlerisches Arbeiten will er mit dem Begriff der »Technik« nur ungern in Verbindung gebracht sehen. Es zeichnet sich durch einen spielerischen und von klassischen maltechnischen Traditionen weitgehend freien Umgang mit dem Material aus, wie wohl die einzelnen Bildelemente durchaus durchdachten kompositorischen Überlegungen folgen. Der häufig beschriebene Eindruck einer schnellen, wilden oder gestischen Malerei trifft daher auch nicht Butzers Intentionen, die nicht auf die Legitimation des Mediums Malerei ausgerichtet sind, sondern auf die Umsetzung der bereits genannten persönlichen philosophischen Betrachtungsweise, die er als Abstraktion bezeichnet. Der Künstler trifft eine Auswahl von Farbtönen im Vorfeld nur in den Fällen, wo er sich bewusst auf unbunte Töne konzentrieren möchte. Ansonsten enthält seine »Vorauswahl das gesamte verfügbare Sortiment von Farben«. In seltenen Fällen kommt es vor, dass in Butzers Gemälden Partien von anderen Personen gemalt wurden. Er weist jedoch mit Nachdruck auf den Ausnahmecharakter solcher Fälle hin und macht deutlich, dass es ihm hier nicht darum geht, die Autorschaft des Künstlers zu thematisieren. Wenn überhaupt, kommt die Mitwirkung Anderer bei ihm nur als zufällige Hilfe zustande, soll aber im Bild nicht in Erscheinung treten.

André Butzer macht keine schriftlichen Notizen zu Material oder Arbeitstechnik seiner Werke. Er notiert sich lediglich Werkdaten wie Titel, Maße, Datum und Verbleibort. Notizhafte Funktion können allerdings Zeichnungen übernehmen, die der Künstler in einigen Fällen nach Beendigung eines Werks anfertigt. Butzer verbindet diese Form der Erinnerungshilfe mit einer »Leichtigkeit«, die eine sprachliche Notiz nicht bietet. Diese Zeichnungen können als eigenständige Werke auch in den Verkauf gehen, was wiederum unterstreicht, dass der Künstler wenig auf Erinnerungshilfen zurückgreift. Er ist der Ansicht, dass eine zu genaue Erinnerung an bereits vollzogene Arbeitsschritte die nötige Offenheit für neue Schritte erschweren oder verhindern kann. Als Form der Notiz sieht André Butzer auch die fotografische Erfassung seiner Bilder. Diese privaten Aufnahmen nutzt der Künstler gleichzeitig zur Kontrolle der Wirkung seiner Bilder mittels der starken Verkleinerung (»bis auf Briefmarkengröße«), die die Bilder im fotographischen Format und am Computer erfahren können. Die Fertigstellung eines Gemäldes zeigt sich André Butzer intuitiv und über das Entstehen einer positiven Identifikation mit dem Bild an. Anzeichen sind für ihn der Eindruck einer gewissen Ausgewogenheit und Lebendigkeit im Bild. Die Rückseite wird von André Butzer stets signiert, die Vorderseite jedoch nicht immer.

1:291

Detail aus Adolf Eichmann, 2006: Rückseitige Signatur, Stift; Längsseite der Abbildung entspricht im Original ca. 35 cm, Foto: Eliza Reichel, Courtesy Galerie Guido Baudach, Berlin, © André Butzer Berlin

1:288

Detail der Rückseite eines Gemäldes (o. A., Abb. Nr. 13 und 14) im Depot der Galerie Guido W. Baudach, Berlin: Signatur, pastose Ölfarbe; Längsseite der Abbildung entspricht im Original ca. 40 cm, Foto: Eliza Reichel, Courtesy Galerie Guido Baudach, Berlin, © André Butzer Berlin

1:284

Detail aus Ranium H: Vorderseitige Signatur; Längsseite der Abbildung entspricht im Original ca. 79 cm, Foto: Eliza Reichel, Courtesy Galerie Max Hetzler, Berlin, © André Butzer Berlin

Bildträger

André Butzer malt seit ca. 1999 auf textilen Bildträgern und möchte auch dabei bleiben. Seit dieser Zeit entstehen Gemälde in verschiedenen Formaten, wobei Großformate immer eine zentrale Rolle spielten. Butzers bevorzugtes Spannsystem ist der Keilrahmen. Als Malgewebe kamen bei ihm früher häufig Baumwollgewebe zum Einsatz, heute gibt er jedoch Leinengeweben den Vorzug.
Um 1994, zu Beginn seiner Beschäftigung mit Malerei, entstanden einige sehr kleine Werke auf Holz, die aber entweder später vom Künstler mit Absicht zerstört wurden oder dauerhaft in dessen Besitz verbleiben. Auch auf Pappe und ähnlichen Bildgründen hat er Erfahrungen gesammelt. Butzer sieht Holz als einen Bildträger, der heute nicht ohne eigene Bedeutung eingesetzt und auch wahrgenommen wird. Er möchte jedoch derartige Eigendynamiken seiner Materialien möglichst vermeiden und schätzt das Leinengewebe, das er inzwischen hauptsächlich verwendet, gerade wegen der inhaltlichen Neutralität, die er ihm zuschreibt: »... Jemand, der heute, 2007, prinzipiell auf Holz malt, will damit etwas sagen. Jemand, der generell auf Leinwand malt, sagt damit erst mal nicht so viel...« Diese Neutralität speist sich seiner Ansicht nach aus einer kunstgeschichtlichen Tradition, in der der Begriff »Öl auf Leinwand« als feste Kategorie besteht, die spätestens seit Beginn der Moderne für Malerei überhaupt stehen kann. Darüber wird auch in Bezug auf den Vergleich von Textilien noch zu sprechen sein.
Als nachteilig bei Holz sieht er darüber hinaus das Gewicht, das größere Formate unpraktikabel werden lässt und sich dem Betrachter unmittelbar als Eindruck der Schwere vermittelt. Der federnde Widerstand, das Schwingen, das sich beim Bemalen aufgespannter Textilien einstellt, wird von Butzer sehr geschätzt und in das synästhetische Bild eines zeitlichen »Nachhalls« auf das eigene Tun gebracht. Er ist der Meinung, dass der Betrachter dies unbewusst ebenfalls wahrnimmt. Darüber hinaus vermittelt der textile Bildträger seiner Ansicht nach die Wahrnehmung von Wärme und Leichtigkeit im Vergleich zu einer Platte, und lässt dabei eine gewisse Varianz an Gewichtseindrücken zu. Es gibt laut André Butzer keine Arbeit, in der er selbst ein Stück Gewebe auf einem festen Träger fixiert hätte.
Allgemein soll angemerkt werden, dass Butzer trotz seiner Überzeugungen in diesen Fragen nicht absolut entscheidet und die zufällige, ungeplante Wahl einer Platte, etwa für ein Kleinformat, in der Zukunft nicht völlig ausschließen möchte.

Im folgenden soll genauer auf die von Butzer verwendeten Keilrahmen eingegangen werden.Anfangs kaufte Butzer seine Keilrahmen immer in Künstlerbedarfsläden. Dies tut er auch heute noch gelegentlich, inzwischen ist er jedoch dazu übergegangen, Rahmen für Großformate in der Regel von einem Schreiner nach Entwürfen eines Restaurators anfertigen zu lassen. Diese keilbaren Rahmen, hergestellt für Formate von über 4 m², bestehen aus breiten und starken Leisten aus Stabholz und verfügen zum Teil über ein regelrechtes Gitter aus Querleisten. Diese sehr stabilen und der Größe der Bilder angemessenen Rahmen verwendet Butzer seit ca. 2001. Er sagt selber, dass er früher auch »schlechtere« Rahmen verwendete, d.h. minder stabile, die er fertig im Künstlerbedarfshandel kaufte. Ein Grund ist sicherlich der hohe Preis der stabilen Rahmen, die dem Künstler zu Beginn seiner Karriere nicht erschwinglich waren. Von Bedeutung ist hier außerdem die Bekanntschaft mit dem Restaurator Peter Most seit 2001, der dem Künstler seither in konservatorischen Fragen beratend zur Seite steht. Die Keilrahmen werden meist von Assistenten mit den Malgeweben bespannt. Das Aufspannen wird stets mit Tackerklammern vorgenommen, wobei nicht unbedingt auf fadengerades Ausrichten der Webrichtungen geachtet wird.

1:256

Situation während des Ausstellungsaufbaus für Friedens-Siemense (2), 2007, in der Galerie Guido W. Baudach, Berlin, 06.03.-14.04.2007:Großformat, stabile Keilrahmenkonstruktion aus Stableimholzleisten mit mehrteiligem Mittelkreuz, Aufspannung des Leinengewebes mit Heftklammern, Foto: Eliza Reichel, Courtesy Galerie Guido W. Baudach, Berlin, © André Butzer

1:258

Gemälde (ohne Titelangabe), 2006, im Depot der Galerie Guido W. Baudach, Berlin: Großformat; stabile Keilrahmenkonstruktion aus Stableimholzleisten mit Mittelkreuz, Aufspannung des Leinengewebes mit Heftklammern, Transportfixierung an den unteren Ecken, Foto: Eliza Reichel, Courtesy Galerie Guido W. Baudach, Berlin, © André Butzer

1:260

Detail aus Abb. 13: Aufspannung mit Heftklammern und Bohrlöcher von Transportfixierung, 2006, Foto: Eliza Reichel, Courtesy Galerie Guido W. Baudach, Berlin, © André Butzer

Für kleinere Formate kommen auch industriell gefertigte Keilrahmen zur Anwendung, die der Künstler von einem bestimmten Künstlerbedarf bezieht, und die von diesem Händler mit industriell grundiertem Gewebe bereits fertig bespannt werden. Die Aufspannung erfolgt auch hier mit Tackerklammern.
André Butzer setzt in der Regel die Keile seiner Bilder nicht selber ein. Dies überlässt er den Fachleuten, die sich im weiteren Verlauf um seine Bilder kümmern: »Galeristen oder Händler,... Lagerverwalter oder Sammler«. Kommt es schon während der Arbeit zu einer unerwünschten Erschlaffung des Bildträgers, verlässt er sich lieber auf das Fachwissen eines Restaurators, als selbst Hand anzulegen. Hierin spiegelt sich Butzers pragmatische Haltung, bestimmte handwerkliche Details entweder bei Wahrung der Qualität sehr einfach und überschaubar zu halten, oder an Fachleute abzugeben.

1:263

Adolf Eichmann, 2005; im Depot der Galerie Guido W. Baudach, Berlin: Mittelformat; industriell gefertigter Keilrahmen mit Mittelleiste, vorgrundiertes Gewebe, Aufspannung mit Heftklammern, 2006, Foto: Eliza Reichel, Courtesy Galerie Guido W. Baudach, Berlin, © André Butzer

1:265

Detail aus Abb. 15: industriell gefertigte Leiste (Maßangabestempel), vorgrundiertes Gewebe und Aufspannung mit Heftklammern, 2006, Foto: Eliza Reichel, Courtesy Galerie Guido W. Baudach, Berlin, © André Butzer

Bis ca. 2001 malte André Butzer häufig auf Baumwollgeweben und tut es gelegentlich auch heute noch.
Generell macht er deutlich, dass er der Wahl seiner Gewebe keine allzu große Bedeutung beigemessen sehen will. Er benutzte den Nesselstoff vor allem aus Kostengründen und sieht in ihm auch heute noch ein verlässliches Material. Dennoch gibt er dem »bräunliche(n)« Leinen heute den Vorzug, zum einen wegen der optischen Komponente, die die dunkleren Spannränder mit sich bringen, und die ihm sehr gefällt. Zum anderen scheint ihm das Leinen mehr als die Baumwolle die Aura von Qualität und Beständigkeit zu tragen und wiederum viel unmittelbarer mit einer bestehenden künstlerischen Kategorie (»Öl auf Leinwand«) verknüpft zu sein. Dies bietet zum einen die erwähnte Neutralität, zum anderen aber auch eine gewisse Verbindung zu klassischen Vorstellungen von Malerei.

1:293

"Kommando

Er kaufte seine Gewebe früher in Künstlerbedarfsläden und bezieht sie heute in großen Mengen vom Großhändler, in der Regel »Boesner«. Da es in den Größen, die er verwendet, nur wenige Produkte gibt, ist er auf diese angewiesen und stellt ansonsten keine weiteren Kriterien auf: »... Da hat man nicht viel Auswahl. Es sind zwei, drei, die kann man nehmen... Und die nehme ich auch...« Namentlich kennt er sie nicht, unterscheidet aber ein etwas gröberes und ein etwas feineres Gewebe. Die Gewebe werden vor dem Aufspannen nicht gewaschen oder in sonstiger Weise vorbehandelt, auch eine Vorleimung entfällt.

Bildaufbau

Abgesehen vom selteneren Fall der Verwendung industriell vorgrundierter Bildträger lässt André Butzer seine Bilder in der Regel von Assistenten nach einer bewusst gewählten standardförmigen Vorgehensweise vorbereiten. Es handelt sich dabei um den zweischichtigen Auftrag einer weißen Grundiermasse. Zwar sind Ausnahmen möglich und einkalkuliert, das Gros der Bilder jedoch soll auf diese Weise »vergleichbar« gemacht werden und die schon erwähnte Zurückhaltung und Neutralität seiner Vorgehensweise und Materialwahl gewährleisten: »... Es gibt ja viele Leute, die unglaublich viele Formeln haben, allein für ihr Rüstzeug, bevor sie künstlerisch tätig werden. Ich versuche, den Bereich, der vor der eigentlichen künstlerischen Welt steht,... so einfach wie möglich zu halten. Aber gut, aus einfachen, guten Materialien. So dass diese Fragen im Vorfeld kaum eine Rolle spielen...« Im Anschluss an die Grundierung erfolgt Butzers eigener künstlerischer Zugriff auf das Werk, der wiederum geprägt ist von größtmöglicher Freiheit im Umgang mit dem Material Farbe. Butzer selbst charakterisiert seine Malweise als »besonders zärtlich« und »möglichst schön«, bzw. »sehr elegant«. Der freie Einsatz des Farbmaterials, in ständiger Wiederholung, Abwandlung und auch Anknüpfung an für ihn vorbildhafte Beispiele aus der Kunstgeschichte führte bei ihm zu einer Sensibilisierung für die Eigenschaften des Materials und zu seinem eigenen Zugriff darauf. André Butzer bevorzugt heute die klassischen Materialien Ölfarbe und Leinwand, da er sie mit Qualität und Meisterschaft in Verbindung bringt. Es geht ihm auch hier keineswegs um eine Positionierung im Sinne einer Auseinandersetzung mit der Malerei als Phänomen an sich, obgleich er z.B. dem Material Farbe Bedeutungsebenen zuordnet, die ein tradiertes sinnliches Materialverständnis spiegeln.
Im Folgenden soll genauer auf Grundierungsarten im Werk André Butzers eingegangen werden. Unterzeichnungen, Farbmaterialien, deren Einsatz und ihnen zugeordnete Bedeutungsebenen sowie Butzers Haltung zu Überzügen werden in später folgenden Abschnitten eingehender erläutert.

Zu Beginn seiner Laufbahn benutzte André Butzer häufig Bildträger, die fertig grundiert und aufgespannt im Künstlerbedarfshandel angeboten werden. Für Klein- oder Mittelformate benutzt er gelegentlich auch heute noch industriell vorgrundiertes Gewebe, die er dann aber stets von dem bereits genannten Berliner Künstlerbedarf bezieht.

1:263

Adolf Eichmann, 2005; im Depot der Galerie Guido W. Baudach, Berlin: Mittelformat; industriell gefertigter Keilrahmen mit Mittelleiste, vorgrundiertes Gewebe, Aufspannung mit Heftklammern, 2006, Foto: Eliza Reichel, Courtesy Galerie Guido W. Baudach, Berlin, © André Butzer

1:265

Detail aus Abb. 15: industriell gefertigte Leiste (Maßangabestempel), vorgrundiertes Gewebe und Aufspannung mit Heftklammern, 2006, Foto: Eliza Reichel, Courtesy Galerie Guido W. Baudach, Berlin, © André Butzer

Eine wichtige Rolle spielen vorgrundierte Gewebe bei der Herstellung der Bilder mit flüssigem Farbauftrag (2003–2004), die meist unaufgespannt auf dem Boden liegend bemalt wurden. Auf diese Weise war die sehr flüssige Farbe noch weitgehend kontrollierbar und es stellten sich weniger Laufspuren ein. Die Bilder wurden nach dem Trocknen auf Keilrahmen gespannt, wobei hierfür wie immer Tacker verwendet wurden. Um die bemalte Bildfläche herum sparte Butzer meist einen unbemalten Rand aus, der später als Spannrand dienen sollte. Anfangs wurde dies vom Künstler außer Acht gelassen, weswegen einige Bilder in einer Restaurierungswerkstatt Spannränder angesetzt bekamen. Später zog er aus dieser Erfahrung die Konsequenz, umlaufend genügend Platz zum Umschlagen der Ränder zu lassen.

André Butzer selbst benutzt zum Grundieren stets ein industrielles Produkt, das er als »Grundierweiß« kennt. Solche Grundiermassen, in der Regel Acryldispersionen, werden von verschiedenen Herstellern speziell für den Einsatz auf textilen Bildträgern in der Kunst hergestellt. Butzer kann sich an spezielle Produkte oder Markennamen nicht erinnern, meint jedoch, meist das gleiche benutzt zu haben. Er bezieht es vom Großhändler, meist »Boesner«. Bei einem Atelierbesuch konnte festgestellt werden, dass es sich in diesem Fall um ein Produkt der Firma »Lascaux« handelte. Diese bietet zwei Sorten weißer Grundiermasse für den Einsatz auf textilen Bildträgern an, in beiden Fällen eine mit Rutil Titandioxid weiß pigmentierte Acryldispersion. Der Künstler berichtet allerdings auch von »Fassadenfarbe«, die er zum Grundieren benutzt habe.
Das Grundieren übernehmen meist Andere für ihn und tragen nach seiner Anweisung zwei Schichten unverdünnt und ohne Zusätze mit »Baumarktpinseln« auf. Dieser zweischichtige Aufbau stellt nach Butzers Erfahrung die ihm angenehmste, neutrale Weißfärbung und Saugfähigkeit des Untergrundes ein. Isolierende Überzüge erfolgen nicht.

1:267

"Detail

In Ausnahmefällen, wenn der Künstler sich selber »auf die Schnelle« eine Leinwand vorbereiten möchte, grundiert er nur einmal. Hier stellt er fest, dass das Bindemittel stärker eingesaugt wird, und akzeptiert auch diesen Effekt.

Die standardförmige Grundierung André Butzers sieht eine weiße Farbigkeit vor. Er erinnert sich an einen Fall, um 1999, bei dem er ein Bild mit schwarzer Acrylfarbe grundiert hat, ohne vorher Grundiermasse aufzutragen.
Vorbereitende ganzflächige färbende Schichten, ähnlich einer Imprimitur, sind möglich, stellen aber Ausnahmen dar. Zwei dieser Fälle, sowohl um 2000, als auch in jüngster Vergangenheit, wurden im Interview benannt. Hier wurde in beiden Fällen graue Ölfarbe über die zweimal grundierte Leinwand gestrichen, was ebenfalls von Assistenten ausgeführt wurde, und vor dem weiteren Bemalen trocknen gelassen. Butzer setzte das Grau bewusst als im Vorfeld raumgebende Tönung ein, auf der dann mit Höhen und Tiefen ein Bildraum eindrucksvoll zu erzeugen ist: »... Da malt man ja schon in den Raum hinein. In den grauen Raum, der eine gewisse Dimension hat...«

1:262

Friedens-Siemens XX, 2007, Öl auf Leinwand, 320 x 260 cm, Foto: Eliza Reichel, Courtesy Galerie Guido W. Baudach, Berlin, © André Butzer

Sichtbare Unterzeichnungen, im Werk André Butzers sonst eher selten, treten im Fall der Bilder mit flüssigem Farbauftrag gelegentlich auf und verdeutlichen die Nähe zur Aquarellmalerei. Butzer selbst charakterisiert ihre Funktion als »Linie«, der man »spielerisch... folgen« kann, ein »zeichnerisches Gerüst«, das zwar sichtbar bleiben kann, aber nicht unbedingt notwendiger Bestandteil der Darstellung sein muss.
Ein anderes Medium, das Butzer gelegentlich zum Unterzeichnen verwendet, ist der Sprühlack.
Zu Beginn seiner Laufbahn stand der Einsatz des Mediums Sprühlack auf der Bildfläche im Zeichen seiner Auseinandersetzung mit künstlerischen Vorbildern der 1980er Jahre. Dabei entdeckte Butzer den Sprühlack als ein Mittel, mit dem man »...relativ schnell auf so einer weißen Leinwand Spuren hinterlassen kann...«, die wiederum den Beginn eines Bildes erleichtern und schon eine gewisse Vorgabe für weitere Schritte bieten.

André Butzer malte mit verschiedenen Farbmedien. So stand am Anfang seiner Beschäftigung mit Malerei, um 1994/1995, die Verwendung der Ölfarbe. Um 1999/2000 begann Butzer (nach einer Phase intensiver Auseinandersetzung mit wässrigen Farbmedien auf Papier), sich besonders auf Acrylfarbe auf textilen Bildträgern zu konzentrieren. In dieser Zeit entstanden aber auch Bilder, die sowohl Acrylfarbe als auch Ölfarbe aufweisen, wobei die Ölfarbe von Butzer stets als Abschluss eingesetzt wurde. Nie, sagt er, habe er mit Acryl über Ölpartien gemalt. Generell weisen die Gemälde dieser Zeit eine Vielfalt an Farbmedien auf, so verwendete Butzer neben den erwähnten auch Sprühlacke, Farbbronzen oder Edding-Stifte auf seinen Gemälden. Seit ca. 2001 malt Butzer beinahe ausschließlich in Ölfarbe und äußert sich dahingehend, bei diesem Medium auch in Zukunft bleiben zu wollen. Dennoch hält er sich auch hier wieder die Möglichkeit offen, unter Umständen spontan und als Ausnahmefall etwa in Acryl zu arbeiten. Um 2003 entstand ein Bild in Aquarell auf Leinwand.

1:252

Ohne Titel, 2003, Aquarell auf Leinwand, 291 x 209 cm, Foto: Galerie Max Hetzler, Berlin, Courtesy Galerie Max Hetzler, Berlin, © André Butzer

André Butzer benutzt alle ihm im Handel erhältlichen Sorten und Marken von Ölfarbe, unabhängig von Qualitätsabstufungen. Er stellt niemals Farbe selbst her und setzt seiner gekauften nichts zu, abgesehen Terpentinöl, das er zum Verdünnen verwendet und dem er einen minimalen Anteil Leinöl zugibt. Dies gehört für ihn, wie die in der Regel gleichförmige Grundierung, zu dem bewusst gewählten Standardprogramm der Ausführung seiner Bilder, durch das er wiederum »möglichst viele andere Sachen ausschließen« möchte. So will er durch eine neutrale Gleichbehandlung der Bilder die Aufmerksamkeit von für ihn sekundären Fragen des »Rüstzeugs« hin zum Bild selber lenken. Der Zusatz an Leinöl hat die Funktion, die Viskosität der Farbe zu steigern, und so die Entstehung von Laufspuren etwas kontrollierbarer zu machen: »... die Tropfen gehen nicht so schnell runter, das pure Balsamterpentin ist so ein bisschen schneller, dünner...«. Dass es sich dabei stets um Leinöl handelt, kann Butzers Vorliebe für Materialien geschuldet sein, die er als klassisch und qualitätvoll und dadurch neutral einstuft. In einigen Fällen, flüssig und auf dem Boden liegend gemalten Bildern, benutzte er allerdings, aus Zufall, wie er sagt, Mohnöl. Er nahm einen Unterschied zum Leinöl wahr und beschriebt es als »...So komisch klar und so klebrig... nicht schlechter...«, dennoch hat er es im weiteren Verlauf nicht mehr benutzt. Er hält sein Verdünnungsmittel stets in einem einzigen Topf bereit und verwendet es bis es aufgebraucht ist. Er findet die Verschmutzung, die durch die Färbung des Lösemittels eintritt, nicht störend: »... Weil ich keine Angst davor habe, dass das Terpentin zu dreckig wird...«

Als Werkzeug benutzt André Butzer hauptsächlich Pinsel, die in der Regel aus dem Baumarkt stammen: »... Solche Heizkörperpinsel oder was auch immer... Ich nehme keine Künstlerpinsel...« Diese werden nach Benutzung selten weiterverwendet und meist sofort entsorgt. Weiterhin bearbeitet er die Farbe häufig mit den Fingern, oder drückt sie direkt aus der Tube. Für gesprühte Partien auf frühen Bildern kam die Sprühdose als Fertigprodukt zum Einsatz.
Die Bilder werden in der Regel an der Wand stehend oder liegend bemalt, auch für Kleinformate benutzt er keine Staffelei. Er verwendet verschiedene Paletten oder auch Pappen und Zeitungspapier zum Mischen der Farbe. Butzer setzt die Farbe häufig ungemischt auf. Die von ihm bevorzugte »Palette der Industrietöne« kommt auf diese Weise zur Geltung, was dann den Eindruck der Buntfarbigkeit seiner Bilder erweckt. Werden Farben gemischt, geschieht dies oft erst direkt auf der Leinwand.

Obgleich sich bei Butzers Bildern eine Vielzahl von möglichen Farbauftragsweisen findet, lassen sich zwei wichtige Möglichkeiten generell unterscheiden: Zum einen der lasierende Auftrag verdünnter bis stark verdünnter Farbe, zum anderen der Auftrag pastoser Farbmassen, die meist durch kräftigen Pinselduktus stark strukturiert sind und so einen unmittelbaren Eindruck ihrer Bearbeitung wiedergeben. Diese Strukturierungen haben kompositorischen Charakter und sollen »Ausrichtung« und Gewichtung des betreffenden Bereichs schaffen und ihn zu anderen in Beziehung setzen. Darüber hinaus zeigt sich der Pinselduktus des Künstlers in allen Abstufungen von Viskosität und Strichstärke, von breiten, hochviskosen bis hin zu dünnen, flüssigen oder auch besonders trockenen, die den Charakter einer Zeichnung oder Schrift tragen.

1:271

Detail aus Kommando Friedrich Hölderlin: verdünnte Farbe mit starken Laufspuren; Längsseite der Abbildung entspricht im Original ca. 257 cm, 2006, Foto: Eliza Reichel, Courtesy Galerie Max Hetzler, © André Butzer Berlin

1:270

Detail aus Kommando Friedrich Hölderlin: stark verdünnte Farbe, daraufgeschleuderte hochviskose Klumpen; Längsseite der Abbildung entspricht im Original ca. 22 cm, 2006, Foto: Eliza Reichel, Courtesy Galerie Max Hetzler, © André Butzer Berlin

1:268

Detail aus Friedens- Siemens XVII, 2007, 320 x 260 cm, Öl auf Leinwand: dünnflüssige auf pastose Farbe gesetzt; Längsseite der Abbildung entspricht im Original ca. 106 cm, 2007, Foto: Eliza Reichel, Courtesy Galerie Guido W. Baudach, Berlin, © André Butzer

Butzer setzt gerne Schichten unterschiedlicher Konsistenz übereinander und folgt dabei keinem maltechnischen Regelwerk: »... Also, das habe ich gern, wenn man das permanent auch umdrehen kann und... unorthodox malt. Dünn auf dick, dick auf dünn... mittel auf mittel...« So entstehen Passagen, in denen gerade der Kontrast der Farbkonsistenzen die unterschiedlichen Eigenschaften des Materials in optisch-haptischer Weise vermittelt. Der Künstler empfindet es als sehr reizvoll, wenn beispielsweise dünnflüssige Farbe über einen Bereich starker Pastositäten gelaufen oder gesetzt ist, oder umgekehrt, ein Klumpen hochviskosen Materials auf einem Bereich stark verdünnter Lasuren zu liegen kommt.

1:275

Detail aus Ranium H: Bindemittelreiche Laufspuren auf Grundierung und pastoser Farbe; Längsseite der Abbildung entspricht im Original ca. 35 cm, Foto: Eliza Reichel, Courtesy Galerie Max Hetzler, Berlin,© André Butzer Berlin

1:278

Detail aus Ranium H: Körperhafter Farbklecks; Längsseite der Abbildung entspricht im Original ca. 47 cm, Foto: Eliza Reichel, Courtesy Galerie Max Hetzler, Berlin, © André Butzer Berlin

1:280

Detail aus Ranium H: Der körperhafte Farbklecks wurde im weichen Zustand mit flüssiger Farbe übergangen; Längsseite der Abbildung entspricht im Original ca. 20 cm, Foto: Eliza Reichel, Courtesy Galerie Max Hetzler, Berlin, © André Butzer Berlin

1:283

Detail aus Kommando Friedrich Hölderlin: Im weichen Zustand abgefallene pastose Farbe; Längsseite der Abbildung entspricht im Original ca. 60 cm, Foto: Eliza Reichel, Courtesy Galerie Max Hetzler, Berlin, © André Butzer Berlin

1:285

Detail aus Ranium H: Relief des Gemäldes im Seitenlicht; Längsseite der Abbildung entspricht im Original ca. 27 cm, Foto: Eliza Reichel, Courtesy Galerie Max Hetzler, Berlin, © André Butzer Berlin

1:306

Detail aus Ranium H: Abstehende Pastosität; Längsseite der Abbildung entspricht im Original ca. 11 cm, Foto: Eliza Reichel, Courtesy Galerie Max Hetzler, Berlin, © André Butzer Berlin

Der lasierende, flüssige Einsatz von Farbe bietet die Möglichkeit, Leuchtkraft durch Tiefenlicht zu erzeugen, ein Prinzip, dessen sich der Künstler besonders bei den auf dem Boden gemalten Bildern in den Jahren 2003 und 2004 bediente. Gleichzeitig wird hier der flüssige Charakter des Materials herausgestellt, indem sich charakteristische Verläufe, Ansammlungen in Vertiefungen und auch Laufspuren einstellen. Butzer verbindet diese Vorgehensweise mit einer gewissen Leichtigkeit und Flächigkeit, die Plakativität erzeugen kann. Gleichzeitig nimmt er eine Tiefe wahr, die durch Transparenz und Lichtdurchlässigkeit der Farben entsteht.

1:252

Ohne Titel, 2003, Aquarell auf Leinwand, 291 x 209 cm, Foto: Galerie Max Hetzler, Berlin, Courtesy Galerie Max Hetzler, Berlin, © André Butzer

Zuweilen kratzt er in die Farbe hinein, was entweder mit dem Pinselstiel oder mit dem Fingernagel geschieht. Es kommt auch häufig vor, dass er die Farbe direkt aus der Tube auf die Leinwand drückt. Die auffälligen Wülste, die auf diese Weise entstehen, geben dem Bild in kompositorischer Hinsicht lineare oder auch geometrische Bewegung und Struktur. »... Ihre Bedeutung könnte Kabel, Elektronik, Nerven, Wurst und Geometrie sein...«

1:274

Detail aus Friedens- Siemens XVIII, 2007, 320 x 260 cm, Öl auf Leinwand: in die Farbe gekratztes Detail; Längsseite der Abbildung entspricht im Original ca. 33 cm, Foto: Eliza Reichel, Courtesy Galerie Guido W. Baudach, Berlin, © André Butzer Berlin

1:276

Detail aus Kommando Friedrich Hölderlin: vielseitiger Farbauftrag, die Farbe wurde verdünnt aufgetragen, aus Tuben gedrückt und in viskosen Klumpen auf das Bild geschleudert; Längsseite der Abbildung entspricht im Original ca. 15 cm, Foto: Eliza Reichel, Courtesy Galerie Max Hetzler, Berlin, © André Butzer Berlin

1:279

Detail aus Ranium H: aus der Tube gedrückte Farblinien in typischer teils geometrischer Anordnung; Längsseite der Abbildung entspricht im Original ca. 192 cm, Foto: Eliza Reichel, Courtesy Galerie Max Hetzler, Berlin, © André Butzer Berlin

1:281

Detail aus Ranium H: aus der Tube gedrückte Farbe, pastose Pinselstriche und Laufspuren; Längsseite der Abbildung entspricht im Original ca. 24cm, Foto: Eliza Reichel, Courtesy Galerie Max Hetzler, Berlin, © André Butzer Berlin

Die frühen Bilder von ca. 1999 bis 2000 zeigen häufig neben den erwähnten gesprühten Partien auch andere dekorative Elemente, wie z.B. mit der Farbtube dicht nebeneinander gesetzte Farbpunkte, Kringel oder sonstig geschwungene Linien. Außerdem treten hier, wie erwähnt, mit Eddingstift gezogene Linien auf, die Kontur schaffen und durch ihren stark zeichnerischen Charakter mit den gemalten Partien kontrastieren.

Sehr präsent sind in Butzers Werken bewegende Elemente wie Spritzer, Laufspuren oder Kleckse. Diese entstehen häufig unwillkürlich dadurch, dass die Farbe sich selbst entsprechend ihrer mechanischen Eigenschaften wie Viskosität oder Gewicht, der Gravitation folgend, in bestimmte Positionen oder Richtungen bewegt, wie etwa in Form der flüssigen Laufspuren, oder sich senkenden oder gar fallenden Farbklumpen in schweren pastosen Bereichen. Dies wird von Butzer in den allermeisten Fällen akzeptiert, gelegentlich sogar angestrebt. Häufig werden sie intuitiv eingesetzt, oder aber sehr kontrolliert: »... So was mache ich manchmal einfach vom Gefühl her, wie man dem Bild Zutaten gibt... oft (mache ich das) auch sehr bewusst, dass ich mir eine bestimmte Farbe aussuche und dann sage, ich will jetzt da hinten ein paar solche Flecken haben...« Dies unterstreicht, dass Butzer hierin auch eine wichtige Möglichkeit des Farbauftrags sieht. Als Beispiel führt er die Möglichkeit des halbwegs kontrollierten »Schmeißens«, beispielsweise einer helleren Farbe auf eine dunkle, ins Feld: »... Weil, es ist ja auch so, mit Ölfarbe hell auf dunkel malen ist eine gewisse Meisterschaft. Also, wie man helle Töne auf dunklen Farben platziert. Deswegen nehme ich oft manchmal Gelb und schmeiß' das so einfach aufs Bild...«

1:264

Detail aus Friedens- Siemens XIX, 2007, 310 x 260 cm, Öl auf Leinwand: Laufspuren; Längsseite der Abbildung entspricht im Original ca. 104 cm, 2007, Foto: Eliza Reichel, Courtesy Galerie Guido W. Baudach, Berlin, © André Butzer Berlin

1:266

Detail aus Friedens- Siemens XVIII, 2007, 320 x 260 cm, Öl auf Leinwand: Farbspritzer; Längsseite der Abbildung entspricht im Original ca. 77 cm, Foto: Eliza Reichel, Courtesy Galerie Guido W. Baudach, Berlin, © André Butzer Berlin

1:269

Detail aus Friedens- Siemens XVI, 2007, 320 x 260 cm, Öl auf Leinwand: Farbspritzer auf starken Pastositäten; Längsseite der Abbildung entspricht im Original ca. 90 cm, Foto: Eliza Reichel, Courtesy Galerie Guido W. Baudach, Berlin, © André Butzer Berlin

1:272

Detail aus Friedens- Siemens XVI, 2007, 320 x 260 cm, Öl auf Leinwand: durch die Farbspritzer in der noch weichen Farbe verursachte Vertiefungen; Längsseite der Abbildung entspricht im Original ca. 5,7 cm, Foto: Eliza Reichel, Courtesy Galerie Guido W. Baudach, Berlin, © André Butzer Berlin

<artemisc>Generell lässt sich sagen, dass beinahe sämtliche Auftragsweisen und Bearbeitungen der Farbe bewusst und in kompositorischer Absicht geschehen.

Im folgenden Abschnitt sollen die von Butzer verwendeten Farbmedien Acryl- und Ölfarbe sowie Sprühlack in ihrer Funktion als Bedeutungsträger näher beleuchtet werden.
Die Phase der Acrylmalerei wird von Butzer als wichtig für seine weitere Malerei in Öl beschrieben. Er erinnert sich, für ihn wichtige und gute Bilder in Acryl gemalt zu haben. Das Medium transportiert für ihn einen »plastikhaften« Charakter, der ihm wichtig ist und den er in seiner Arbeit auch heute noch anstrebt, wobei ihm dies aber inzwischen auch mit Ölfarbe möglich ist. Mit Acrylfarbe lassen sich seiner Ansicht nach derartige von ihm angestrebte Effekte relativ leicht erzielen, sie bleibt in ihrer Wirkung jedoch »eindimensional«. Eine Beschränkung, mit der der mit ihr malende Künstler »umgehen (muss)«, während sich in Öl gleichzeitig sowohl die Evokation eines plastikartigen, als auch eines organisch-körperlichen Materials bewerkstelligen lässt: »... Man kann mit Ölfarbe ganz andere Varianzen in der Dimension haben...« Allerdings ist dies seiner Ansicht nach wiederum verbunden mit größeren technischen Schwierigkeiten, da ihm die Ölfarbe, speziell in der Art wie er sie verwendet, ungleich schwieriger zu handhaben scheint. Hier ist etwa das Nebeneinandersetzen klarer ungemischter Farben zu nennen, oder generell der Erhalt einer »bestimmten Klarheit« und »Reinheit der Töne«. So sieht er denn auch seine Phase der Acrylmalerei, ebenso wie Aquarell oder Gouache, als Erfahrung, die ihm seinen heutigen Umgang mit Ölfarbe überhaupt erst möglich macht. Butzer schätzt die Ölfarbe auch wegen seiner optisch-haptischen Qualitäten, wie »Körper, Volumen, Transparenz«. Darüber hinaus ist Ölfarbe für ihn ein beständigeres Material, das besonders im pastosen Einsatz qualitätvolle Eigenschaften besitzt. So erscheint es ihm z. B. als ein »elastisches Material«, das etwaigen Belastungen, wie etwa dem Rollen eines Bildes, besser standzuhalten vermag als Acrylfarbschichten. Seiner Beobachtung nach sind hier selbst besonders gute und teure Sorten, die beispielsweise speziell für pastosen Einsatz gefertigt werden, in der mechanischen Beständigkeit nicht vergleichbar.

Für André Butzers vermittelt die Ölfarbe ein körperliches Prinzip und steht für »Fleisch,... Fett« und »Schmutz«. Speziell mit »tote(m) Fleisch« verbindet er die Masse der Farbe aus der Tube, die allerdings durch den künstlerischen Prozess, die Bearbeitung, in etwas umgewandelt werden kann, das Tod oder Leben gleichermaßen in sich trägt. Die Gleichsetzung von Ölfarbe mit Organischem und speziell Fleisch ist ein Topos, der sich wiederholt in Reflexionen von Künstlern über das von ihnen verwendete Material findet, speziell, wenn es sich um den pastosen Auftrag handelt, der in besonderer Weise die Massigkeit des Materials zu Ausdruck bringen kann. Diese Auffassung wird z.B. von Vincent van Gogh und Fautrier berichtet, und ist wichtig vor allem im Hinblick auf einen während der Moderne sich vollziehenden Bedeutungswandel der Wahrnehmung des Farbmaterials überhaupt. Die Idee einer vom materiellen Träger zu befreienden Kunst ist älter als ihre Gegenposition, die deren Materialität direkt sinnlich wahrnehmbar macht und als Bedeutungsträger agieren lässt, beide Auffassungen aber werden seither weiter vertreten und entwickelt. André Butzer steht in dieser Hinsicht in einer gewissen Tradition, bringt aber deutlich zum Ausdruck, dass Fragen, die den Stellenwert der Malerei in der Kunst betreffen, für seine Arbeit nicht von Bedeutung sind. Wichtiger ist die Konnotation der Meisterschaft bei der Ölfarbe. Butzer hat die Erfahrung gemacht, dass sich im Umgang mit Öl die erwähnten Schwierigkeiten, »Widerstand«, einstellen, und bewundert Künstler wie Matisse oder Munch für deren Könnerschaft in diesem Medium. Er erlebte es als »förderlich(e)« künstlerische Herausforderung, sich diesen Schwierigkeiten zu stellen und beschreibt dies als Entscheidung »für die klassischen Medien«. »...Außerdem wollte ich halt das Schwierigste machen... Ja, das ist eine gewisse Meisterschaft. Warum nicht...«
Die Entscheidung für die Benutzung aller erhältlichen Farbsorten und -marken ist bewusst getroffen, und sie ist verbunden mit der Entscheidung für die Integration industrieller Prozesse in sein Werk: »... Wenn man fünf Kilo industrielle Farbe verwendet, hat man fünf Kilo Industrie verarbeitet...« Butzer ist der Auffassung, dass industrielle Vorgänge einen bedeutenden Teil des heutigen Lebens bestimmen und möchte auf diese Weise sein Werk in Bezug zum Zeitgeschehen stellen.
Er ist der Ansicht, dass seine Bilder ohne diese inhaltliche und konzeptuelle Ebene nicht vollständig zu erfassen sind, meint aber, dass sie durchaus die Möglichkeit einer rein materiellen Betrachtung bieten: »... Wenn man das nur gemessen am Material betrachten würde, dann sieht man ja nur das, was verwendet wurde. Um etwas Sinnloses herzustellen. Und das finde ich auch schön, dass es die Möglichkeit gibt, so etwas auch mal so zu betrachten...«

Butzer äußert sich zu den gesprühten Partien seiner Bilder dahingehend, dass dies zwar auch später noch vorkomme, eigentlich aber in besonderem Maße den frühen Jahren um 1999 zuzuordnen sei. Seine Auseinandersetzung mit malerischen Positionen der 70er und 80er Jahre zu dieser Zeit nennt er als inspirativen Anstoß für den Einsatz von Sprühlacken. Von der »Entmystifizierung der Malerei«, die seit den 1960er Jahren und verstärkt wieder in den 1980ern betrieben und durch Sprühlacke effektvoll dargestellt wurde, will sich Butzer jedoch distanzieren: »... Es ist immer so etwas blödes Freches damit verbunden... Und dann wirkt das so komisch artifiziell... Bringt dem Bild (aber) nichts. Bin ich ganz sicher... Man lässt sich täuschen, ich glaube, dass solche additiven Medien Täuschungsmanöver sind, weil sie ablenken...« Er nimmt für sich ein anderes Motiv für den Einsatz dieses des Sprühlacks in Anspruch und verwendete ihn ohne negierende Bedeutung: »... als unterstützendes Mittel, um eine ganz klassische Figur-Raum-Konstellation zu dekorieren....«

> vollständige Semniararbeit im PDF-Format

Pfeilh.png nach oben