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Interview mit Mathias Völcker
geführt von Erich Gantzert-Castrillo
am 14. Juni 2000 im Atelier des Künstlers in Frankfurt am Main

Mathias, Du hast eine große Anzahl von Zeichnungen gemacht, über die wir heute reden wollen. Malst Du auch?
Nein, bisher nicht, das kann sich allerdings jederzeit ändern.
Nicht. Aber Du hast früher gemalt?
Ja.
Und wann hast Du Dich entschieden, nur noch auf Papier zu arbeiten?
In der Form, wie ich es bis heute betreibe, ab Anfang der 80er Jahre.
Im Katalog Mathias Völcker vom Museum für Moderne Kunst, Frankfurt, gibt es eine Atelieraufnahme (Doppelseite 102 und 103), darauf sind zwei Skulpturen zu sehen. Machst Du auch Skulpturen?
Selten, aber ab und zu mal.
Und mit welchen Materialien?
Gips, Holz, es kann Metall sein. Was immer ich finde.
Du fotografierst auch. Welchen Stellenwert hat die Fotografie innerhalb Deines Oeuvres?
Gute Frage. Ganz geklärt ist das bis heute noch nicht. Ich fotografiere seit 1974. Bisher hatte die Fotografie zu meiner eigentlichen Arbeit eine begleitende Funktion, ist aber nie wirklich in den Mittelpunkt gerückt. In Katalogen, Publikationen steht die Fotografie gleichberechtigt neben der Zeichnung, sozusagen als zusätzliche inhaltliche Information. Sie befruchten sich gegenseitig.
Du würdest der Fotografie also keine autonome Stellung innerhalb Deines Werkes einräumen.
Autonom schon, aber ich bin nicht so auf die Fotografie fokussiert, ich stelle sie nicht aus, bisher ist mir das nicht so wichtig.
Und benutzt Du die Fotografie vor allem als eine Art Gedächtnisfunktion?
Nein, das ist parallel zur zeichnerischen Arbeit zu sehen. Eine andere Form des Aufzeichnens.
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Mathias Völcker, Atelieransicht der Arbeitswand, (Es ist eine Arbeitswand auf der ich die Arbeit auf ihren Bestand und Kontext hin überprüfe. Zeit spielt hier bei eine wesentliche Rolle), 2006, © Mathias Völcker, Frankfurt am Main

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Detail aus der Arbeitswand, 2006, © Mathias Völcker, Frankfurt am Main

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Mathias Völcker, Atelieransicht der Arbeitswand, 2006, © Mathias Völcker, Frankfurt am Main

Mathias, nun zu Deinen Papieren: In dem Katalog Mathias Völcker vom Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main, finden sich als Angaben zu den von Dir verwendeten Papieren: Computerpapier, perforiertes Papier und Unterlegekarton. Wie bist Du zu Computerpapier gekommen?
Das war reiner Zufall. Ich fand damals einen Stapel Computerpapiere, die ich erst einmal als Unterlage benutzte, und das ist, glaube ich, bei einer Arbeit zu sehen. Es ist ein reiner Zufall. Also frag mich nicht, was auf den Papieren tatsächlich steht (sie sind rückseitig mit Daten versehen).
Das hat also keine große Rolle für Dich gespielt.
Nein.
Das hast Du so vorgefunden. Und die perforierten Papiere: Haben sie am Rand Perforierungen, weil sie in einer Blockbindung waren?
Ja, teilweise Blockbindung, teilweise schneide ich es ab, aber wenn es geht, dann lasse ich es bestehen.
Und was verstehst Du unter Unterlegekarton?
Also, ich bezeichne das erst mal nicht so, als Unterlegekarton; sondern das heißt, dass Arbeiten auf Papier aufgetragen werden und teilweise geschnitten werden. Das sind immer eigenständige Zeichnungen. Er gehört zur Zeichnung dazu.
Und wie sind die Qualitäten der Papiere?
Das kommt auf die Entstehungszeit an, früher beachtete ich die Qualität der Papiere weniger. Aber ich achtete dann bald sehr darauf, dass die Papierqualität besser ist. Nach Möglichkeit sind das holzsäurefreie Papiere.
Unter welchen Aspekten wählst Du die jeweiligen Papiersorten aus?
Erst einmal rein aus ästhetischen Kriterien, wie die Oberfläche, Farbe, Stärke beschaffen ist. Die Oberfläche ist ein sehr wichtiger Faktor. Das sind bei mir in der Regel relativ glatte oder stark gestrichene Papiere, weniger strukturierte Papiere. Es kommt darauf an, ob ich mit Aquarell oder mit Zeichenstift arbeite. Dementsprechend suche ich dann auch die Papiere aus. Aquarell, Bleistift oder je nachdem, was ich vorhabe und was ich will.
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1990, Aquarell und Bleistift auf Velin, 11,8 x 15,0 cm, Im Besitz des Künstlers, © Mathias Völcker, Frankfurt am Main

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Mathias Völcker, 1990, Aquarell auf Velin, 11,6 x 14,9 cm, Im Besitz des Künstlers, © Mathias Völcker, Frankfurt am Main

Gibt es Zeichnungen auf anderen Trägermaterialien als Papier? Ich meine nicht Karton etc., sondern beispielsweise Holz.
Nein.
Auf Folien?
Nicht. Also Transparentpapier gehört ja zu Papier. Ich zeichne, male ausschließlich auf Papier.
Ich habe gesehen, Du hast eine gute Computerausrüstung von Macintosh. Benützt Du den Computer für Zeichnungen? Ist das etwas, was Dich interessieren könnte?
Eigentlich gar nicht.
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Mathias Völcker, Atelier / Arbeitstisch, 2006, © Mathias Völcker, Frankfurt am Main

Gar nicht?
Überhaupt nicht! An einem Computer würde mich nur die Rechnerleistung interessieren, diese vielleicht sichtbar zu machen. Aber mit Computer zu zeichnen, interessiert mich überhaupt nicht.
Also zurück zum Papier. Greifst Du auf zufällig vorhandenes Papier zurück oder kaufst Du es gezielt?
Sowohl als auch. Es gibt vorgefundene Papiere. Ich kauf’ auch ganz gezielt.
Du verwendest also gefundene Papiere, wenn Dich ihre spezielle Materialbeschaffenheit reizt?
Zum Beispiel das Computerpapier. Das ist eine gefundene Sache und das reizt mich und dann lass' ich den Zufall auch bestimmen. Aber in der Regel ist es so, dass ich gezielt aussuche.
Welche Papierfabrikate bevorzugst Du?
Oh, das ist inzwischen sehr breit gestreut. Es gibt sehr viel geeichte und Markenpapiere, ich habe hier einen ganzen Muster-Block vor mir liegen. Er enthält Hollandpapiere, Japanpapiere, Schoellerhammer, Van Gelder, Fabriano etc., Werkdruckpapiere auch.
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Mathias Völcker, 1991, Aquarell, Bleistift und Gouache auf Japico, 24,3 x 31,4 cm, R.S.B., Im Besitz des Künstlers, © Mathias Völcker, Frankfurt am Main

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Mathias Völcker, 2000, Bleistift auf Japon Holland, 23,5 x 29,1 cm, Im Besitz des Künstlers, © Mathias Völcker, Frankfurt am Main

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Mathias Völcker, 1986, Bleistift auf Japico R.S.B., 24,1 x 31,0 cm, Im Besitz des Künstlers, © Mathias Völcker, Frankfurt am Main

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Mathias Völcker, 1992, Bleistift auf Schoellerhammer, 24,5 x 34,6 cm, Im Besitz des Künstlers, © Mathias Völcker, Frankfurt am Main

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Mathias Völcker, 2003, Bleistift auf Japico R.S.B., 24,3 x 31,4 cm, Im Besitz des Künstlers, © Mathias Völcker, Frankfurt am Main

Also alles hochwertige Papiere.
Ja, alles im Grunde genommen hochwertige Papiere.
Die unterschiedlich strukturiert sind in der Oberfläche?
Im Grunde genommen sind es hauptsächlich Papiere, die mit sehr feinen Schöpfsieben hergestellt wurden, teilweise mit sehr glatter Oberfläche, Arches, Hahnenmühle (MV blättert im Musterbuch, seiner verwendeten Papiere).
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Mathias Völcker, Musterbuch der verwendeten Papiere, 2006, Im Besitz des Künstlers, © Mathias Völcker, Frankfurt am Main

Diese Form von Papier-Musterbuch, das Du angelegt hast, finde ich sehr interessant. Du archivierst also, welche Papiere Du bisher verwendet hast. Das finde ich ganz toll.
Du siehst, es gibt auch Japanpapiere, die Papierfarbe spielt natürlich auch eine große Rolle. Ich meine, das siehst Du auch hier. Aber das ist im Grunde genommen so die Palette.
Das ist ja schon eine ziemlich große Palette.
Das ist eine ganze Menge. Und es kommen auch permanent neue Papiere dazu.
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Mathias Völcker, Musterbuch der verwendeten Papiere, 2006, Im Besitz des Künstlers, © Mathias Völcker, Frankfurt am Main

Weißt Du aus Erfahrung, was Du von einem Papier erwarten kannst?
Ja, mehr oder weniger.
Du wählst also gemäß der Wirkung, die Du beabsichtigst?
Die Teekannen-Serie zum Beispiel besteht aus Aquarellen, da sind natürlich nur ganz bestimmte Papiere zum Zuge gekommen. Bei manchen saugt das Papier stärker, das heißt es gibt eine wirklich sehr geschlossene harmonische Fläche im Farbauftrag, bei anderen, stark geleimten, glatten Papieren bilden sich Trockenkanten, das heißt die Farbe steht eher auf dem Papier und trocknet somit fleckig an. Diese formellen, technisch bedingten Unterschiede sind inhaltlich bei dieser Arbeit sehr wichtig.
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Mathias Völcker, 1989/99, Bleistift auf Werkdruck, 24,3 x 31,4 cm, Im Besitz des Künstlers, © Mathias Völcker, Frankfurt am Main

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Mathias Völcker, 1993, Aquarell und Bleistift auf Japico, 24,3 x 31,4 cm, Im Besitz des Künstlers, © Mathias Völcker, Frankfurt am Main

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Mathias Völcker, 1995, Aquarell und Bleistift auf Werkdruck, 24,3 x 31,4 cm, Im Besitz des Künstlers, © Mathias Völcker, Frankfurt am Main

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Mathias Völcker, 1995, Aquarell und Bleistift auf Arches Rives, 24,3 x 31,4 cm, Im Besitz des Künstlers, © Mathias Völcker, Frankfurt am Main

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1989, Aquarell und Bleistift auf Holland, 24,3 x 31,4 cm, Im Besitz des Künstlers, © Mathias Völcker, Frankfurt am Main

Achtest Du beim Kauf auch darauf, dass die Papiere säurefrei sind?
Bei den Markenpapieren, denke ich, kann man ja eigentlich davon ausgehen, dass es hochwertige und, unter konservatorischem Aspekt gesehen, unbedenkliche Papiere sind. Ich denke schon. Wie gesagt, es gibt in den frühen Arbeiten mehr holzhaltige Papiere. Ein holzhaltiges Papier, das habe ich hier, auf dem es einige Arbeiten gibt. Die Priorität lag damals eher bei der ästhetischen Qualität der Oberfläche, Kontur, Farbigkeit, weniger bei der konservatorischen. Heute benutze ich in der Regel qualitativ gute Papiere.
Du verwendest überwiegend kleine Papierformate. Aus welchem Grund?
Die Themen, Inhalte, die ich behandle, brauchen keine großen Formate. Das Einfangen von Gedanken, Ideen und Phantasien, wie ich sie heute habe, brauchen ein schnelles, kleinformatiges Medium wie die Zeichnung, ansonsten würden sie sich verflüchtigen. Würde ich diese Themen großformatig behandeln, würden groß aufgeblasene Luftballons entstehen und, wie das eben so bei Luftballons ist, die platzen dann gerne einmal oder hängen nacheiniger Zeit wie schlaffe, unansehnliche Säcke herum. Das bedeutet, formal und inhaltlich ergeben große Formate bei mir bisher keinen Sinn. Für meine gegenwärtigen Inhalte ist das Kleinformatige die richtige Form. das andere ist, dass ich faul bin. Du weißt, ich habe früher gemalt, sehr großformatig gemalt. Ich sage jetzt mal, der sportive Charakter, der bei so einer Arbeit zwangsweise vonnöten ist, um große Formate zu bewältigen,ist im Laufe der Zeit nicht mehr meine Sache gewesen. Wenn ich mich heute bewegen will, gehe ich laufen, aber wer weiß. Das kann sich natürlich auch wieder ändern. Ein anderer Grund ist, dass ich sehr viel und gerne auf Reisen arbeite und das Kleinformatige daher insofern Sinn macht, dass es damit überall möglich ist, zu arbeiten, wo auch immer ich mich gerade aufhalte.
Also die permanente Verfügbarkeit...
Ja die permanente Verfügbarkeit.
Nun sind Deine Motive und Deine Arbeiten ja sehr intim, vom Papierformat her wie in der Komposition. Verwendest Du neben losen Papierseiten auch Skizzenbücher und Skizzenblöcke für Deine Zeichnungen?
Nein. Zum Format noch einmal: Die Nähe ist mir auch sehr wichtig.
Das ist interessant. Es gibt ja einen Trend in der Zeichnung zum Großformat. Aber das ist nicht Dein Ding.
Bis heute nicht.
Mir erscheint das ja auch manchmal so, dass man bei Deinen Arbeiten mit dem Vergrößerungsglas drangehen könnte.
Kann man. Ja.
Du machst also auch Zeichnungen, wenn Du unterwegs bist? Davon hattest Du ja vorhin gesprochen. Sind das Skizzen, die Du später verwendest?
Nein, die Skizze als solche gibt es bei mir so gut wie nicht. Wenige Arbeiten haben diesen Charakter. Im Grunde ist das die Ausnahme.
Jetzt noch ein paar Fragen zu den Zeichnungsmedien. Folgende Medien sind im Katalog des Museums für Moderne Kunst, Frankfurt, aufgeführt: Bleistift, Kohlestift, Aquarell, Gouache, Leuchtfarbe, Deckfarbe, Blattsilber, Schreibmaschine. Und wie ich jetzt auf verschiedenen Blättern gesehen habe, hast Du auch Gold verwendet. Ist das Blattgold ?
Ganz genau.
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Mathias Völcker, 2005, Bleistift auf Fabriano Liscio, 11,7 x 15,2 cm, Im Besitz des Künstlers, © Mathias Völcker, Frankfurt am Main

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Mathias Völcker, 2005, Bleistift auf Fabriano Liscio, 11,7 x 15,2 cm, Im Besitz des Künstlers, © Mathias Völcker, Frankfurt am Main

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Mathias Völcker, 2005, Bleistift auf Fabriano Liscio, 12,8 x 14,3 cm, Im Besitz des Künstlers, © Mathias Völcker, Frankfurt am Main

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Mathias Völcker, 1990, Bleistift auf Fabriano, 24,3 x 31,4 cm, Im Besitz des Künstlers, © Mathias Völcker, Frankfurt am Main

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Mathias Völcker, 1985, Bleistift auf Velin, 24,3 x 31,4 cm, Im Besitz des Künstlers, © Mathias Völcker, Frankfurt am Main

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Mathias Völcker, 1990, Aquarell, Bleistift und Schreibmaschine auf Velin, 11,8 x 15,0 cm, Im Besitz des Künstlers, © Mathias Völcker, Frankfurt am Main

Und das Silber? Das ist auch Blattsilber?
Reines Blattsilber.
Und wie applizierst Du die Blätter?
Mit Anlegemixtur.
Du bestreichst das Papier mit Mixtion und legst dann das Silber - oder Goldblatt auf?
Es gibt auch welche mit Zucker. Ganz wenige sind mit Zucker bearbeitet.
Du hast eine Zuckerlösung gemacht? Mit ganz normalem Zucker?
Ja, darunter. Aber sonst habe ich diese Anlegemixtur verwendet.
Sind die Bleistifte, die Du verwendest, immer vom selben Härtegrad ?
Die sind sehr unterschiedlich: Der Härtegrad ist von sehr hart bis sehr weich, von 3 H, 4 H bis zu 7 B, 8 B.
Und Kohlestifte ?
Auch unterschiedlich.
Die Tönung der Kohlestifte auch?
Durch die Härte entstehen unterschiedliche Tönungen, aber es kommt nicht so viel vor. Eher doch die etwas härteren Kohlestifte.
Und Zeichenkohle ? Verwendest Du die auch?
Da die Zeichenkohle weich ist, relativ selten.
Welche weiteren Zeichnungsmedien verwendest Du für Deine Zeichnungen ? Gibt es auch Farbstifte ?
Ja.
Welche Produkte nimmst Du bei den Farbstiften?
Faber-Castell. Und je nachdem, was mir da in die Hände kommt. Bleistifte in der Hauptsache, dann Kopierstifte (Tintenstifte).
Kugelschreiber auch?
Nein, ganz selten.
Und neigst Du zu ganz bestimmten Farben bei den Kugelschreibern?
Blau. Es kommt wenig vor, dass ich Schwarz verwende. Das ist ganz selten.
Und Faserstifte ?
So gut wie nicht. Es gab mal einen japanischen – ja, Stift kann man nicht sagen – es gibt da so eine Art Stift, da ist ein geformter dran, der schon fast als Pinsel zu verwenden ist. Den habe ich einmal benutzt. Aber ganz selten. Colorshaper, Anm. d. Red.
Und Tinte ?
Auch. Tinte kommt vor.
Verschiedenfarbige Tinten?
Tinte zum Schreiben der Firma Parker. Ecoline kommt zum Teil vor: Das sind Näpfchen und farbige Tinten.
Verwendest Du auch Tuschen ?
Ich verwende japanische oder chinesische Anreibetuschen. Diese nehme ich relativ häufig. Was den Schwarz-Weiß- oder Grau-Sektor betrifft, ist relativ viel Tusche dabei. Damit kann ich viel abdecken.
Verwendest Du auch andere Farben, zum Beispiel Trockenpigmente, die Du selbst mit einem Bindemittel versetzt?
Ich habe Arbeiten da, aber es ist relativ selten.
Und was nimmst Du da als Binder ?
Caparol.
Das verdünnst Du nach Gefühl...
Ja, es gibt Caparol, allerdings auch einen no-name Acrylbinder den ich benutze.
Jetzt zum Aquarell. Wie arbeitest Du beim Aquarellieren? Welche Pinsel benützt Du dazu?
Erst einmal befestige ich das Papier ganz normal mit Papierklebeband, früher habe ich das weniger gemacht. Aber heute ist es in der Regel so. Dann arbeite ich hauptsächlich mit hochwertigen französischen Pinseln von Raphael (petit gris pur).
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Mathias Völcker, 2003, Aquarell und Bleistift auf Velin, 24,3 x 31,4 cm, Im Besitz des Künstlers, © Mathias Völcker, Frankfurt am Main

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Mathias Völcker, 1991, Aquarell auf Arches, 24,3 x 31,4 cm, Im Besitz des Künstlers, © Mathias Völcker, Frankfurt am Main

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Mathias Völcker, 1987, Aquarell, Bleistift und Collage auf Japico R.S.B., 24,3 x 31,4 cm, Im Besitz des Künstlers, © Mathias Völcker, Frankfurt am Main

Also Haarpinsel?
Ja, Haarpinsel, selten Borstenpinsel für Gouache und für Acrylfarbe.
Mathias, wie ist das jetzt mit dem Aquarell? Das Papier klebst Du auf der Seite fest, ringsum. Und wässerst Du das Papier zuvor oder befeuchtest Du es?
Nein, in der Regel erst mal nicht.
Du tauchst Deinen Pinsel also in Wasser und in die Aquarellfarben und dann lavierst Du, ohne das Papier zuvor befeuchtet zu haben?
Das geht im Grunde genommen gut, weil damit wenig Farbe auf das Papier kommt.
Du hast vorhin Acrylfarben erwähnt. Die verwendest Du also auch?
Von Aquatec. (Aquatec Acryl Farben werden seit dem Konkurs der Fa. VANG in München, nicht mehr hergestellt. Anm. d. Red.)
Oft oder seltener?
Selten.
Nimmst Du Acrylfarben, um Flächen abzudecken? Also nicht im Sinne von Aquarell?
Selten. Falls ich welche verwende, fällt es in den Bereich des Überdeckens hinein. Dafür benutze ich auch Gouachen, bisweilen auch Plakafarben für großflächige Abdeckungen.
Warum ziehst die Aquarellfarben anderen Farbentypen vor?
Weil damit meiner Meinung nach die feinsten Abstufungen möglich sind, die ich wiederum auf meine Art und Weise benutzen kann. Ich will ja nicht sagen, dass man mit Ölfarben nicht Feinheiten erzeugen kann. Mit Ölfarben kann ich auch die Feinheiten erarbeiten, aber für meine Arbeitsweise, für eine schnellere Arbeitsweise, ist das Aquarell optimal.
Die Tinte. Wie verwendest Du die? Und die Tusche? Benützt Du Zeichenfedern für Tuschen und Tinten, oder wie trägst Du sie auf?
Mit einem Pinsel, von fein bis grob.
Und Füllfederhalter ?
Kommt auch vor. Aber selten.
Auf der Reise? Oder mehr im Atelier?
Sowohl als auch. Das lege ich nicht fest.
Hast Du ein Reiseset?
Ich habe mein Reiseset, da ist alles mit dabei.
Da gibt es also keine Auswahl?
Na gut, zur Reise ist es natürlich reduziert, aber es ist im Grunde genommen alles das möglich, was zu Hause auch möglich ist.
Unter welchen Aspekten wählst Du das Zeichnungsmedium aus?
Ich gehe eher nach der Intuition vor als nach rationalen Aspekten.
Wie gehst Du denn vor, wenn Du anfängst zu zeichnen? Richtest Du Dir Deinen Arbeitsplatz in der Weise her, wie zum Beispiel ein japanischer Maler, in dem er sich in einer gewissen Weise darauf einstimmt? Durch Meditation, beispielsweise?
Ich habe vorhin erzählt, dass ich in den letzten 10 bis 15 Jahren kaum Ausschuss bei meinen Arbeiten hatte, also so gut wie keinen Ausschuss. Das heißt, dass ich nur dann arbeite, wenn ich tatsächlich in einem unmittelbaren ungestörten Kontakt zu meinem Vorhaben treten kann. Das bedeutet auch, dass ich nur dann arbeite, wenn ich weiß, dass ich in einen guten Arbeitsfluss gelangen kann. Das geht nicht immer, aber normalerweise ist es so.
Hast du einen festen Arbeitsrhythmus – lieber morgens oder nachmittags oder in den Abendstunden, und wie lange?
Nicht unbedingt. Ich arbeite zu Hause, ich arbeite nicht oder nur sehr ungern in Ateliers, wahrscheinlich weil ich nicht gern zur Arbeit gehe. Das heißt, die Arbeit kann in der Nacht passieren, das kann morgens passieren, zu jeder Tageszeit. Es ist unterschiedlich. Es gab Phasen, da habe ich morgens sehr gerne gearbeitet. Es gab Phasen, da habe ich wieder nachts gearbeitet.
Also, das ist nicht so ritualisiert, sondern hat mit der Lust zu tun.
Die Lust ist ein ganz wichtiger Faktor.
Gibt es Arbeiten, die unter einem bestimmten Tagespensum geschaffen wurden, ähnlich den »Date Paintings« von On Kawara?
Im gewissen Sinne trifft das auf die Serie der Teekannen zu »Die Teekannen«, die sich in ihrer Grundzeichnung gleichen und nur in den konzentrischen Kreisen und Farbabstufungen variieren, ließen ein tägliches Tagespensum zu. Ähnlich und doch nicht gleich, vielleicht wie sich tagtäglich wiederholenden Tagesabläufe die sich so gleichen und doch niemals dasselbe sind.
Wie viele hast Du von diesen Teekannen gemacht, die sich in der Sammlung des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt befinden?
Circa 400 Arbeiten.
400? Das ist ja gewaltig! Und in welchem Zeitraum?
Innerhalb von einem Jahr.
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Mathias Völcker, Präsentation der Teekannen-Zeichnungen im Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main, © Erich Gantzert-Castrillo, München

Eine Frage zu Deinen Collagen. Da gibt es Arbeiten, die sind collagiert. Das heißt, Du hast Papier aufgedoppelt. Bei anderen Arbeiten sind an den Blattkanten oder –rändern Blätter bzw. Papiere angeheftet und von hinten befestigt. Wieder andere Arbeiten gibt es, da sind Papierteile ausgeschnitten und aufgeklebt. Machst Du das sehr oft?
Früher weniger, allerdings in den letzten 10 Jahren häufiger (1995-2005). Auch Faltungen kommen zum Beispiel stärker dazu. Es gibt ja manchmal diese Blätter, die ich tatsächlich falte...
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Mathias Völcker, 2002, Aquarell auf Velin und Japico collagiert und gefaltet, 26,3 x 32,0 cm, Im Besitz des Künstlers, © Mathias Völcker, Frankfurt am Main

... ja, das habe ich gesehen. Dieses schmale, ja.
Gerade in letzter Zeit gibt es Faltungen und Überfaltungen das wird zum eigenständigen Medium.
Du bearbeitest das Blatt nicht in gefaltete Zustand, sondern, wenn es entfaltet ist? Gibt es auch Blätter, die Du zuerst faltest und dann bezeichnest, bemalst?
Ich bezeichne immer zuerst und dann falte ich.
Bemalst du die Blätter vor dem Falten? Mit Bezeichnen meine ich, wenn Du Stifte verwendest, und mit Bemalen, wenn Du mit dem Pinsel arbeitest.
Nein, das findet immer vorher statt.
Ich erinnere mich an eine schöne Arbeit von Dir in der Jahrhunderthalle Hoechst, das war eine Wandzeichnung, wie Du es nennst.
Wandspannzeichnung.
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Mathias Völcker, Wandspannzeichnung Hoechst, Wandspannzeichnung, Stahlstifte, Bindfaden, Im Besitz des Künstlers, © Mathias Völcker, Frankfurt am Main

Wandspannzeichnung heißt das, genau! Dann ist es nicht ganz korrekt im Katalog bezeichnet. Machst Du das sehr oft und was reizt Dich daran?
Das war die Übertragung von der Zeichnung auf die Wand. Das gibt es vereinzelt, dass ich raumbezogen arbeite. Ich übertrage Zeichnungen auf die Wand. Mit dem Stift verbinde ich Punkt A zu Punkt B. Dann verbinde ich Punkt A mit Punkt B mit einer dünnen Schnur. Das ist für mich eine sehr konkrete Vorgehensweise: zwei Punkte im Raumkontext zu verbinden.
Sind das Zeichnungen, die Du einmalig als Wandspannzeichnung ausführst, oder können die durchaus an verschiedenen Plätzen installiert werden?
Teilweise übertrage ich vorhandene Zeichnungen auf diese Weise auf die Wand. Das kann sich wiederholen, je nach Format der Zeichnung. Die Wandspannzeichnungen sind ortsbezogen und werden direkt für eine bestimmte Raumsituation geschaffen.
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Mathias Völcker, Wandspannzeichnung Gesicht, 1990, Wandspannzeichnung, Stahlstifte, Bindfaden, Im Besitz des Künstlers, © Mathias Völcker, Frankfurt am Main

Und die Stifte, die Du in die Wand einschlägst, ändern die sich dann bezüglich der Wandbeschaffendheit oder hast Du eine Lieblingssorte Stifte, die Du dafür immer verwendest?
Nein, das sind in der Regel nur dünne Stahlstifte, die einen sehr kleinen Kopf aufweisen. Ich kaufte da einmal einen gesamten Restposten, weil die später den Kopf vergrößert hatten. Die Längen der Stifte sind unterschiedlich und variieren je nach Wandbeschaffenheit.
Das heißt, je nachdem, wie tief Du sie eintreiben musst. Der Bindfaden, den Du verwendest, ist der in der Regel schwarz oder kann der auch farbig sein?
In der Regel ist es sogar ein roter.
Ein roter Bindfaden. Weißt Du, welche Sorte Faden Du verwendest?
Das kann ich jetzt nicht mehr genau sagen, es ist ein relativ fein gezwirnter, aber festerer Hanffaden, würde ich sagen.
Nach der Deinstallation ruhen sie in einem Karton in Deinem Archiv?
Der Faden ist nur für den einmaligen Gebrauch bestimmt, die Stifte verwende ich wieder.
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Mathias Völcker, Wandspannzeichnung Haus/Strumpfhose, 1989, Wandspannzeichnung, Stahlstifte, Bindfaden, Im Besitz des Künstlers, © Mathias Völcker, Frankfurt am Main

Jetzt noch ein paar Fragen zu Schutzschichten. Hast Du in der Vergangenheit Deine Zeichnungen mit einem Fixativ versehen? Wenn ja, mit welchem Produkt und mit welcher Technik aufgebracht?
Ein Acrylfixativ von Schmicke.
Verwendest Du dieses Fixativ bei allen Zeichnungen, respektive Arbeiten?
Hauptsächlich bei Kohlestiften und dann in dem Moment, wo eine Verwischbarkeit gegeben ist. Das wird aufgesprüht mit Acryl aus der Acrylspraydose.
Und dafür legst Du das Blatt hin oder hängt es an der Wand?
Ich lege es hin.
Du legst es hin und sprühst ganz fein darüber. Und machst Du dann eine Wischprobe ?
Ja. In der Regel reicht es bei einem Mal. Wenn die Kohle stärker ist, dann mach ich schon mal eine Wischprobe.
Ist Dir im Nachhinein schon einmal negativ aufgefallen, dass das Fixativ gebräunt ist.
Nein, bis heute nicht.
Wie befestigst Du Deine Arbeiten in den Passepartouts?
Ich finde es problematischer, wie man Arbeiten im Passepartout anbringt, also fixiert. Da habe ich negative Erfahrungen gemacht. Da denke ich an Fixogum, das ist grauenhaft.
Ja, das ist ein fürchterliches Zeug.
Heute benutze ich säurefreie Seidenpapiere oder Filmoplast mit einer selbst klebenden Schicht.
Und den kannst Du gut ablösen?
Ja. Entweder bleibt ein Streifen auf der Zeichnung oder nicht, und ich fixiere die Zeichnung immer auf den aufgebrachten Streifen, damit dadurch die Zeichnung geschont wird.
Eine Frage zur Lagerung. Ich habe ja gesehen, dass Deine Arbeiten gut geschützt in Deinem Grafikschrank liegen. Die unterschiedlichen Formate hast Du abgedeckt und auch noch Schutzumschläge darüber gelegt.
In der Regel hat sich das bewährt. Ich habe die jetzt seit 17, 18 Jahren in dem Grafikschrank. Es passiert nichts.
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Mathias Völcker im Atelier, 2006, © Erich Gantzert-Castrillo, München

Jetzt noch zur Rahmung. Fertigst Du für Deine Zeichnungen selbst Rahmen an? Wenn ja, welches Holz verwendest Du dafür und wie werden die Rahmen behandelt? Wie findest Du Deine Zeichnungen am besten gerahmt? Naturholzrahmen oder Rahmen mit weißer Farbe, deckend oder lasierend gestrichen?
Ich habe meine Atelierrahmen, die sind in der Regel 50 auf 60 cm. Es gibt aber auch kleinere Formate. Die Arbeiten werden passepartouriert, aber freigestellt. Ich bevorzuge Holzrahmen. Ich habe den Rahmen gerne geschlemmt, weiß geschlemmt. In letzter Zeit finde ich auch naturbelassene Holzrahmen in Ordnung.
Bevorzugst Du eine Holzart, die eine starke Maserung hat oder eher ein stilles Holz?
Ein stilles Holz. Es kann durchaus eine Buche sein. Meistens relativ hell.
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Mathias Völcker, Detail aus der Arbeitswand, 2006, © Mathias Völcker, Frankfurt am Main

Und die Passepartouts verwendest Du, um Deinen Zeichnungen einen Rahmen zu geben und sie durch den Abstand zum Glas zu schützen?
Ja, das ist der eine Grund. Der andere ist, den Charakter des Papiers herauszuheben.
Dich stört nicht, wenn sich das Papier durch die Feuchte oder durch den Druck Deines Zeichenstiftes verwölbt oder verspannt ?
Nein, das stört mich nicht so. Ich ziehe sie auf. Wenn sie zu stark verwellt sind, mach ich das ganz gern.
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Mathias Völcker, 1987, Aquarell und Bleistift auf Velin, 23,9 x 28,4 cm, Im Besitz des Künstlers, © Mathias Völcker, Frankfurt am Main

Ich habe gesehen, manchmal sind da so kleine Spritzerchen drauf, bei Aquarellen beispielsweise. Bei vielen Deiner Arbeiten ist mir aufgefallen, dass sie eine plastische Wirkung haben durch die Massierung des Graphits. Ich finde das auch sehr schön.
Das mag ich sehr, es ist eine starke Verdichtung der Materie.
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Mathias Völcker, 1991, Bleistift auf Werkdruck gefaltet, 15,6 x 22,4 cm, Im Besitz des Künstlers, © Mathias Völcker, Frankfurt am Main

Noch einmal zur Präsentation. Wie sollte für Dich eine werkgerechte Präsentation Deiner Zeichnungen aussehen? Machst Du Vorgaben zur Wandbeschaffenheit, Beleuchtungsart und Beleuchtungsstärke, zum Luxwert, oder so weiter?
Das hängt davon ab, wie lange Arbeiten auf Papier ausgestellt werden. Wenn die Arbeiten längere Zeiten hängen, dann finde ich es natürlich sehr gut, wenn das Licht nicht so stark ist.
Wenn es gedimmt wird.
Wenn es gedimmt wird, ja. Aber das hat mit der Ausstellungsdauer zu tun.
Ist Dir lieber, wenn Deine Arbeiten gleichmäßig ausgeleuchtet sind oder wenn sie akzentuiert mit Spotshervorgehoben werden?
Ich bevorzuge ein gleichmäßiges Licht.
Man gewöhnt sich in Grafikausstellungen im Museum relativ schnell an das gedämpfte Licht und sieht Einzelheiten oft besser, als wenn die Arbeiten so überstrahlt sind.
Sicherlich, ich find' das gedämpfte Licht auch gut. Das gedämpfte Licht und die Größe der Zeichnung bringt den Betrachter dazu, auf die Zeichnung zuzugehen. Das erzeugt eine intensive, teilweise intime Atmosphäre und große Nähe zwischen Betrachter und Zeichnung.
Bei Deinen weißen Passepartouts würde mit starker Beleuchtung die Zeichnung überstrahlt. Das würde den Arbeiten schaden.
Sicherlich. Ich kenne spannende Ausstellungsformen. Das Teylers Museum in Haarlem mit einer sehr alten Sammlung von europäischer Zeichnung hat Arbeiten von mir: Die haben Vorhänge vor die Zeichnungen gehängt.
Das kenn ich auch von einer Arbeit von Paul Klee im Wallraf-Richartz-Museum in den späten sechziger Jahren. Man hatte ein Vorhängchen davor angebracht. Ich war damals sehr irritiert und dachte, es wäre ein Dada-Objekt, bis ich den Mut fand, den Vorhang zu heben. Noch mal zu Deinen Materialerfahrungen, zu den Produkten und Deinen Erfahrungen. Hast Du eindeutige Präferenzen beim Papier und den Zeichnungsmedien und warum? Hast Du negative Erfahrungen mit den von Dir verwendeten Materialien und Techniken gemacht?
Ich benutze hauptsächlich Arches, Fabriano, Japico, Hannenmühle, Schoellerhamer, Whatman, Liana, Zander, Liscia, van Gelder, Japon Holland, Israels und Werkdruckpapiere, um die wichtigsten zu nennen. Diese Papiere liegen mir sehr und ich habe ausgesprochen gute Erfahrungen mit ihnen gemacht. Als Stifte benutze ich TK-Stifte von Faber-Castell, auch nur gute Erfahrungen. Die stark holzhaltigen Papiere sind ein Problem. Die zerfallen oder gehen kaputt. Aber die benutze ich aus dem Grund heute auch nicht mehr.
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Mathias Völcker, Aquarell auf Werkdruck, 16,3 x 21,7 cm, Im Besitz des Künstlers, © Mathias Völcker, Frankfurt am Main

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Mathias Völcker, 2005, Bleistift auf Werkdruck, 24,3 x 31,4 cm, Im Besitz des Künstlers, © Mathias Völcker, Frankfurt am Main

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Mathias Völcker, 1989, Aquarell und Bleistift auf Fabriano, 24,3 x 31,4 cm, Aquarell und Bleistift auf Fabriano, Im Besitz des Künstlers, © Mathias Völcker, Frankfurt am Main

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Mathias Völcker, 2005, Bleistift auf Werkdruck, 24,3 x 31,4 cm, Im Besitz des Künstlers, © Mathias Völcker, Frankfurt am Main

Das Problem mit den holzhaltigen Papieren hängst Du sehr hoch?
Langfristig gesehen ist es ein Problem. Man kann zusehen, wie die bräunen.
Jetzt zu den Produkten und Firmen. Beziehst Du Deine Papiere aus dem Papierhandel oder vom Künstlerbedarf? Kaufst Du die Papiere in ausgesuchten Geschäften?
In der Regel ja. Aber nicht ausschließlich. Ich habe heute noch Papiere, die ich auf Reisen erworben habe – beispielsweise ein Heft aus Südamerika, in Buenos Aires gekauft, das ist speziell feines, glatt gestrichenes Papier, das ich gern verwende. Aber in der Regel kaufe ich in Fachgeschäften.
Noch mal zurück zur Gouache. Sie kommt bei Dir auch vor.
Das sind in der Regel Plakafarben. Es ist ganz selten, dass ich mal mit Pigmenten oder Acrylbinder arbeite, passiert nur gelegentlich. Ich verwende sie, um eine dichte Fläche zu erzielen und selten lasierend. Die Verwendung von Plakafarben war auch nicht auf einen bestimmten Zeitraum begrenzt und geschieht immer wieder.
Was Deine Farbmittel angeht, die Stifte usw. – kaufst Du beim Künstlerbedarf?
Im Großen und Ganzen ja. Ich ziehe den Künstlerbedarf vor und wende mich nicht gerne an Papierlieferanten.
Jetzt habe ich noch eine Frage zu Werkstätten und Assistenten. Gibt es eine Zusammenarbeit mit holz- und glasverarbeitenden Werkstätten, zum Beispiel Schreinereien und Glasereien?
Nein.
Die Rahmen, wenn Du sie kaufst, kaufst Du die schon fertig?
Es gibt ein Gros an Rahmen, die ich selbst gefertigt habe. Die Profile wurden beim Schreiner hergestellt. Aber in der Regel kauf' ich heute Rahmen fertig.
Und das Glas lässt Du Dir auf die Größe zuschneiden?
Das Glas habe ich mir damals zuschneiden lassen.
Hast Du jemals mit Assistenten zusammengearbeitet?
Nein.
Jetzt habe ich noch ein paar Fragen zu Signatur, Datierung und Betitelung der Werke. Signierst, datierst und betitelst Du Deine Zeichnungen?
Ich datiere und signiere sie. Ich vergebe selten oder nie Titel.
Ich habe gesehen, Du verwendest auch eine Inventarnummer.
Ja. Die Gesamtzeichnungen sind archiviert. Das heißt, sie sind fotografiert und registriert mit Angaben zur Papierauswahl, Technik und Maßen.
Und dieses Archiv hast Du in Deinem Arbeitsraum?
Das steht bei mir. Sobald eine Arbeit aus dem Atelier geht, dann wird auch dies vermerkt. Das hat natürlich auch mit Ordnung zu tun, damit ich weiß, welche Arbeiten wo sind. Manchmal sind 50, 60 Arbeiten unterwegs; dann ist dieses Archiv sehr hilfreich.
Machst Du das auf einer Karteikarte oder mit dem Computer?
Ich habe ein Schriftarchiv, ein Bildarchiv und eine Kommissionsliste. Das heißt, wenn Arbeiten in Kommission unterwegs sind, dann werden sie ausgetragen aus dem Bildarchiv. Inzwischen auch mit dem Computer.
Und die Aufnahmen für Dein Werksverzeichnis machst Du selbst?
Die mache ich selbst, ja.
Die Abzüge lässt Du im Geschäft dann machen?
Ich mache Kleinbilddias.
Die stellst Du dann auch für Kataloge zur Verfügung, wenn es gefordert ist?
Das ist eigentlich nur zur Aufbewahrung und ausschließlich für das Archiv.
Mathias, hast Du auch Druckgrafik gemacht?
Es gibt drei oder vier Holzschnitte und eine Radierung.
Ist das etwas, das Dich interessieren könnte?
Bis heute nicht so sehr. Radierungen würden mich schon interessieren, aber dann würde ich mit Assistenten zusammen arbeiten.
Das ist eine zeitaufwendige Geschichte. Da würdest Du also professionelle Hilfe nehmen. Das machen viele Künstler, es macht ja auch Sinn. Jetzt habe ich ein paar Fragen zur Konservierung und Restaurierung. Wir RestauratorInnen wissen aus eigener Erfahrung, dass gerade die Unklarheiten über Details der künstlerischen Konzeption und Materialverwendung zu großen Problemen und Missverständnissen bei der Betreuung in den Sammlungen und bei Ausstellungen führen können. Insofern sind folgende Punkte von großer Wichtigkeit für die Betreuung Deiner Werke: Inwieweit akzeptierst Du Alterungsprozesse, zum Beispiel Verblassen, Vergilben und Verspröden von Farben, Tinten, Tuschen, Farbstiften, Papieren, Pappen und Kartons bei den Materialien, aus denen Deine Werke bestehen?
Ich denke, man muss es zwangsläufig akzeptieren, weil wir nicht tatsächlich wissen können, wie die Papiere sich in hundert Jahren verhalten. Dazu gibt es keine Erfahrungswerte. Keiner weiß heute bei handelsüblichen Papieren, wie die in heutigen Papieren verwendeten Bleichmittel eines Tages auf Farben wirken etc.
Würdest Du sagen, wenn ein Blatt vergilbt ist, das muss jetzt in die Wäsche?
Nicht unbedingt. Bei den stärker holzhaltigen Papieren, je nach Vergilbungsgrad, kann man eines Tages sich überlegen, ob man sie eventuell entsäuert, wäscht.
Mathias, wie definierst Du einen Schaden?
Einen Schadensfall würde ich in dem Moment ansetzen, wo das Bild in seiner eigentlichen Aussage beeinträchtigt ist.
Wie definierst Du Schmutz?
Bei meinen Zeichnungen ist alles das Schmutz, was nachträglich ohne meinen Willen auf das Blatt Papier gelangt ist. Legst du mir die beschmutzte Arbeit vor und ich kann damit leben, ist es möglich, das aus dem Schmutz ein neuer Teil der Arbeit wird.
Wie definierst Du Patina ?
Ich denke, wenn Papiere gilben, was fast alle tun, ist es eine Patina. Das sind Alterungsspuren.
Und als solche auch zu akzeptieren?
Als solche auch akzeptabel.
Wie weit dürfen für Dich Konservierungs- und Restaurierungsmaßnahmen gehen?
In erster Linie ist immer die ästhetische und inhaltliche Eigenschaft des ursprünglichen Kunstwerkes zu erhalten. Nicht akzeptabel und grauenhaft finde ich, was im Karmeliter-Kloster in Frankfurt mit den Jörg Ratgeb-Fresken geschah, das heißt, das selbst noch im Original vorhandene Fragmente von RestauratorInnen farbig übertüpfelt wurden. Dass fehlende Bildfragmente bei Ratgeb tüpfelnderweise ergänzt wurden, mag ja noch angehen, aber die Originalteile auf diese Weise zu überarbeiten, heißt die Originalität, Aura und Patina zerstören.
Das beantwortet schon ein bisschen die nächste Frage. Willst Du bei Auftreten eines Schadens informiert werden?
Nach Möglichkeit, ja.
Würdest Du bei der Erarbeitung eines Konservierungs- und Restaurierungskonzeptes beratend mitwirken?
Ja, das würde ich tun.
Interessieren Dich generell Fragen zur Konservierung und Restaurierung ?
Sehr.
Bist Du interessiert an Informationen zu neuen Materialien und Techniken, die Deinen Arbeitsbereich betreffen?
Mich interessieren die Erkenntnisse über Papiere zum Beispiel sehr, auch Informationen über Farben und Lichtechtheit und ihre Wirkung auf Papier.
Mathias, ich danke Dir vielmals für dieses Interview.
Bitteschön!

Redaktion
Erich Gantzert-Castrillo und Birgitta Heid

Literatur

Ausstlg.-Kat. Mathias Völcker, Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main, mit Texten von Jean-Christophe Ammann, Andreas Beyer, Peter Anselm Riedl und Dorothea Strauss, deutsch/englisch, Hrsg. Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main, 1996. ISBN 3-88270-476-4.

Links zu Museen

http://www.mmk-frankfurt.de/
http://www.teylersmuseum.nl/index_flash.html

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